Sommer in Mecklenburg-Vorpommern

Aus den Nürnberger Nachrichten vom 15. 07. 1996: –

In drei Urlaubsgebieten in Mecklenburg-Vorpommern sind Touristen von gewalttätigen Jugendlichen überfallen worden. (…) Für den schlimmsten Gewaltakt sorgten rund 50 vermutlich rechtsradikale Jugendliche auf dem Zeltplatz in Leisten bei Plau am See. (…) Zeitgleich kam es zu Ausschreitungen in Binz auf Rügen und in Rostock-Markgrafenheide. Das Motiv für die Attacke in Leisten war unklar.

Den Nürnberger Nachrichten war übrigens auch das Motiv der beiden anderen Überfälle unklar. Doch, wie wir sehen werden, werden sie sich im Folgenden gewissenhaft auf Motivsuche begeben.

Der Leiter der überfallenen Gruppe bekräftigte, die teils vermummten, teils glatzköpfigen Angreifer hätten „Heil Hitler“ gebrüllt. (…) Die Polizei dementierte gestern eigene Aussagen, wonach die Randalierer aus dem rechtsradikalen Umfeld stammen. Begründet wurde dies damit, dass bei den Festgenommenen nicht – wie zunächst angegeben – rechtsradikales Propagandamaterial gefunden worden sei.

Zunächst war also angegeben worden, die Angreifer hätten rechtsradikales Propagandamaterial mit sich geführt, was ein Indiz dafür gewesen wäre, dass sie dem „rechtsradikalen Umfeld“ entstammten. Dies hätte sich wohl als Falschmeldung herausgestellt, denn tatsächlich haben sie Baseballschläger, Totschläger und Eisenstangen mit sich geführt, wie im selben Artikel zu lesen ist, aber eben kein rechtsradikales Propagandamaterial. Somit deutet also vieles darauf hin, dass sie ebensogut dem Umfeld amerikanischer Sportler (Baseballschläger), des Rotlichtmilieus (Totschläger) und von Handwerkerbetrieben (Eisenstangen) entstammen könnten. „Heil Hitler“-Gegröle kommt bekanntlich auch in den besten Zuhälterkreisen vor.

Allein die Suche nach dem Motiv müsste von vorne beginnen, hätte es die Polizei nicht schon gefunden: –

Grund für den Übergriff, so sagte ein Sprecher nun, sei (…) ein Racheakt nach Auseinandersetzungen beider Gruppen bei einer feuchtfröhlichen Geburtstagsfeier gewesen.

Wofür immerhin spricht, dass Rache süß ist und besonders süß, wenn sie zeitgleich an drei Orten befriedigt wird.

Der Artikel endet wie folgt: –

Polizeidirektor Walter Schuldt, der den Einsatz vor Ort leitete, sagte, die Randalierer hätten in einem nahen Waldstück wild gezeltet. Auf solche geheimen Treffpunkte gewaltbereiter Jugendlicher hat es Schwerins Innenminister Rudi Geil (CDU) bereits seit längerem abgesehen. Hohe Jugendarbeitslosigkeit, bundesweit der höchste Alkoholkonsum und nach dem Zusammenbruch der DDR viel weniger Freizeitangebote für die jungen Menschen – alarmierende Signale, die zu den größten Sorgen der Landespolitiker gehören.

Was bedeutet, dass es da zwar so eine Art Wehrsportgruppenproblem gibt, das aber leicht lösbar scheint durch die Schaffung von mehr Arbeitsplätzen, durch ein Verbot des Ausschanks von Alkohol an Jugendliche bei feuchtfröhlichen Geburtstagsfeiern und durch mehr Freizeitangebote für die jungen Menschen, aber nicht im Wald.

Anderntags entnehmen wir der Titelseite der Nürnberger Nachrichten die Neuigkeit: –

Die Täter stammen teils aus der rechten Szene.

Was beunruhigend ist, weil bisher nur von einem „rechtsradikalen Umfeld“ die Rede war und sich, wenn uns die nackte Wahrheit offensichtlich nur Stück für Stück zugemutet werden kann, die Frage aufdrängt, woher wohl erst die Täter stammen mögen, die in dem Wörtchen „teils“ nicht enthalten sind. Doch immer mit der Ruhe. Wir sollten uns dem Problem nüchtern, sachlich und entspannt nähern. Deshalb wiegeln die Verantwortlichen erstmal ab: –

„Was heißt hier rechtsradikale Szene – wegen einer einzigen Reichskriegsflagge“, –

welche übrigens kein rechtsradikales Propagandamaterial ist, das nicht mitgeführt wurde, –

wiegelte man im Schweriner Lagezentrum ab. Hochgespielt und in die rechte Ecke gedrängt worden sei der Vorfall auf dem Campingplatz Leisten.

Wir sind schon beruhigt. Aber nachhaltiger beruhigt hätte uns der Satz: „Hochgespielt worden seien die Vorfälle auf den Campingplätzen Leisten, Binz und Rostock-Markgrafenheide.“ Und wenn ein leibhaftiger Landtagspräsident von Mecklenburg-Vorpommern einige Zeilen weiter unten als Abwiegelungsverstärkung aufgefahren wird und es dort heißt: –

Als Einzelfall stufte er die Übergriffe auf die zeltende Kindergruppe ein, –

wo es doch heißen muß: „Als Einzelfälle stufte er die Übergriffe auf die zeltenden Kindergruppen ein“, dann sind wir sofort wieder beunruhigt, wenn schon den ihn zitierenden Profis der Nürnberger Nachrichten angesichts des Ernstes der Situation die Grammatik durcheinandergerät.

Die Abwiegelung ist also gescheitert und ein Gefühl der Beunruhigung hindert uns daran, die Qualität der polizeilichen Ermittlungsarbeit richtig würdigen zu können, die zwar nicht viel Neues, aber immerhin inzwischen zu Tage gefördert hat, dass die Attacke nicht irgendein, sondern ein –

emotionaler Racheakt –

gewesen ist.

Dieses Gefühl wächst sich am folgenden Tag aus zu einem der persönlich empfundenen Bedrohung, als eine Überschrift der Nürnberger Nachrichten lautet: –

Auch Nürnberger Gruppe attackiert.

Dies geschah in Prora, und in Neustrelitz hat es einen weiteren Überfall auf einen Campingplatz gegeben. Zu den Hintergründen heißt es: –

Grund für die jüngsten Auseinandersetzungen vor der Jugendherberge in Prora war laut Polizei ein Streit um ein Mädchen.

Eine ganze Horde „Einheimischer“ überfällt eine Jugendgruppe wegen eines Streits um ein Mädchen! Ein tolles Mädchen muss das sein!

Ähnlich motiviert sei auch die Auseinandersetzung von Neustrelitz gewesen.

Dort ging es also um ein anderes Mädchen. Oder um zwei. Oder um einen Jungen. Das kann uns im Grunde egal sein. Hauptsache, wir wissen, warum unsere Nürnberger Mitbürger attackiert wurden.

Am nächsten Tag wird zwar richtiggestellt, dass –

nicht Jugendliche aus Nürnberg (…), sondern Neuntkläßler der Hauptschule Oberasbach –

angegriffen wurden, doch getreu der alten antifaschistischen Parole: „Oberasbach ist überall!“ sollten wir die regionale Herkunft der Opfer nicht überbewerten und nun mit den Nürnberger Nachrichten das weite Feld der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Hintergründe beleuchten, um die eigentlichen Ursachen zu erfahren, warum gerade Campingplätze und vor allem in Mecklenburg-Vorpommern als Schauplätze emotionaler Racheakte und von Rivalitäten um Mädchen und ähnliches prädestiniert zu sein scheinen.

„Alkohol, Arbeitslosigkeit, Rechtsradikalismus – das greift zu kurz“, sagt der Referent für Jugendfragen im Schweriner Kultusministerium. Vielmehr gehe es den Jugendlichen im Land darum, (…) erst einmal auf sich aufmerksam zu machen. „Da bieten sich die vielen Campingplätze im Land hervorragend an.“

Jedenfalls im Verhältnis zu geheimen Treffpunkten im Wald. Dieses Erklärungsmodell scheint ebenso einleuchtend zu sein, ist aber nicht so anschaulich nachvollziehbar wie das des Schweriner Innenministeriums von 1995 nach zehn einschlägigen Vorkommnissen: –

Haß auf alles Fremde und eine Art Revierdenken (…) Jeder Fremde werde als Eindringling empfunden. –

„Das ist mein Campingplatz, Fremder! Such dir doch selbst einen Campingplatz!“ –

Soziale Probleme, …

„Jetzt sitz ich hier ganz allein auf meinem Campingplatz …“ –

Neid, …

„Aber eigentlich ist es nicht mal mein eigener Campingplatz.“ –

und erheblicher Alkoholkonsum …

„Jawohl, Cam… Camping… Campingplatz.“ –

verstärkten die Aggressionen.

„Ey, voll auffe Fresse, Scheiß-Campingplatz.“

Auch die Polizei findet die Zeit, sich an der Ursachenforschung zu beteiligen: –

„Die haben Langeweile gehabt.“

Zu allen diesen Erklärungsmodellen merkt NN-Kommentator Alexander Jungkunz klug an: –

Das kann nichts entschuldigen, aber viel erklären.

Oder umgekehrt. Ein Anfang der Ursachenforschung ist jedenfalls gemacht. Jungkunz weiß auch Konsequenzen, die aus den Vorfällen zu ziehen wären: –

Man muß nicht so weit gehen wie die Hamburger Jura-Professorin Sibylle Tönnies, die (vor den Überfällen) in der Zeit einen staatlich organisierten Arbeitsdienst für Jugendliche vorgeschlagen hat.

Muss man nicht, will man aber, obwohl so ein Vorschlag „teils aus der rechten Szene stammt“.

Doch ihre Forderung trifft den Kern des Problems: Was jetzt zu tun ist: Arbeit zu organisieren.

Und sie ließe sich am leichtesten erfüllen, wenn die des Landesverbands der Campingplatzbetreiber gleich mit erfüllt würde, nämlich die nach mehr Polizeischutz. Denn wenn möglichst viele Jugendliche aus rechtsradikalem Umfeld und rechter Szene in einen rechtsstaatlichen Apparat transferiert würden, brächte dies eine Fülle von Vorteilen: Sie wären nicht mehr arbeitslos, dürften keinen Alkohol trinken, wären sozial eingebunden, hätten ein Revier, wo sie ihren Hass auf alles Fremde z.B. bei Abschiebungen in zivilisierten Bahnen abreagieren könnten, und wenn dennoch einmal Langeweile aufkäme, könnten sie sich immer noch zu den geheimen Treffpunkten im Wald begeben und wären dort wenigstens per Funk erreichbar.

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