31. Jänner 2012
Identitätsprobleme
Wenn sie jetzt in Deutschland ein sog. „Friedrichsjahr“ feiern, also den Erzfeind unserer Mutter M. Theresia hochleben lassen - die aber um keinen Deut weniger ein widerwärtiges Exemplar aus der menschlichen Gattung war - dann wirkt das auf mich als Wahlösterreicher, gebürtig aus Nürnberg, als wie wenn der Pogatetz in einem Match der deutschen Bundesliga einem Spieler meines alten Heimatvereins, des altehrwürdigen 1. FC Nürnberg, einen üblen Faustschlag versetzt hätte.
13. Jänner 2012
Ein Foto auf der Standard-Titelseite

Drei Freunde sind sie, und schön braun,
Und streicheln Chavez den Pimmel.
Gegen irgendwas wollen sie sich voll in die Bresche haun.
Der ganz rechts sagt, sie kommen dafür in den Himmel.
09. Jänner 2012
Fernsehen bildet
Gestern einen Dokumentarfilm, produziert von National Geographic TV, im ORF gesehn.
Die Biene Maya hat sich, was ich ihr gar nicht zugetraut hätte, sehr intensiv mit schnellen Verschiebungen der magnetischen Erdpole und deren Auswirkungen auseinandergesetzt. Einen solchen Vorgang gab's aber zum Glück noch nie. (Es sei denn, man sieht einen Zeitraum von einer Million Jahren als „schnell“ an.)
Sie hat sich dazu aber auch noch ausführlich mit Astronomie und Kalendarik beschäftigt und sieht jetzt fürs Ende des Jahres eine bestimmte sehr selten, nämlich nur ca. alle 5000 Jahre auftretende Konstellation zwischen dem Erdhorizont in Mittelamerika, der Sonne und einer gedachten Mittelachse der Milchstraße, von dort aus betrachtet, herannahen, von der man zwar mit auch nur einigem gesunden Bienenverstand ausschließen kann, dass sie einen Einfluss auf die Erde haben wird, aber die Biene Maya ist nun einmal ein übervorsichtiges und zur Apokalyptik neigendes Wesen und drum rechnet sie für die Zeit um den 21. Dezember herum vorsorglich schon mal mit dem Schlimmsten.
07. Jänner 2012
Von Österreich lernen!
(Aber jetzt ist es wohl schon zu spät.)
Herr Bundespräsident Wulff! Nicht in der Chefredaktion oder beim Verleger eines Boulevardblattes hätten Sie anrufen sollen! Sondern in der Anzeigenredaktion! Eine Serie von Inseraten in Auftrag geben. Sie wären von der folgenden wohlwollenden Berichterstattung überrascht gewesen!
Eine Missachtung oder gar aktive Einschränkung der Pressefreiheit wird Ihnen jetzt vorgeworfen. Das kommt gar nicht gut. Die Pressefreiheit im Gegenteil immer nach Kräften gefördert zu haben, mit solchen Inseraten nämlich, hat unserem ehemaligen Infrastrukturminister Faymann mit der Zeit einen so guten Ruf bei den Journalisten verschafft, dass er am Ende sogar auch ohne jede sonstige Qualifikation hat österreichischer Bundeskanzler werden können.
13. Dezember 2011
Der Nachhaltigkeitssammler
Seit bald 25 Jahren gehe ich einem ausgefallenen, anspruchsvollen und manchmal sehr anstrengendem Hobby nach: Ich sammle Nachhaltigkeit, in allen Ausprägungen, Farben und Formen, alle Bücher und Filme und Zeitungsartikel und Werbeanzeigen und alle öffentlichen Äußerungen, die man sich überhaupt vorstellen kann, wenn nur Nachhaltigkeit darin vorkommt. Die Anlage und der Ausbau meiner Sammlung geschieht natürlich selbst ebenfalls nach den Prinzipien der Nachhaltigkeit. (Sonst wäre da ja ein Widerspruch.) Das heißt zum Beispiel, dass ich aus der öffentlichen Sphäre niemals mehr von diesen Statements entnehmen und sie in meine Nachhaltigkeitssammlung aufnehmen werde, als sie im selben Zeitraum auch wieder nachzuproduzieren in der Lage ist. (Prinzip der Erneuerbarkeit.)
Alles begann vor beinahe genau 25 Jahren mit dem sogenannten „Brundtland-Report“, der die Kriterien definiert hatte für eine „nachhaltige Entwicklung“ und damit den Nachhaltigkeitsdiskurs erst so richtig anstieß und auch nachhaltig prägte. Seither wächst meine Sammlung zum Thema Nachhaltigkeit beständig und sie wächst und wächst, und ich bin auch sehr zuversichtlich, dass sie auch in Zukunft weiterhin wachsen wird. Eine kleine Gefahr fürs nachhaltige Wachstum meiner Sammlung könnte höchstens noch darin bestehen, dass die Nachhaltigkeit als Begriff eines Tages vielleicht auch wieder aus der Mode kommt, was Gott aber bitte, auch im Sinne unserer Umwelt, nachhaltig verhüten möge.
Als verantwortungsbewusster Nachhaltigkeitssammler versuche ich natürlich auch selbst meinen Beitrag dazu zu leisten, dass es nicht soweit kommt. Eine große Gefahr, dass das Wort irgendwann niemand mehr hören kann, liegt ja in Zeiten wie diesen, in denen kaum noch eine kommerzielle Werbeanzeige auf seine Verwendung verzichtet, in der Beliebigkeit, mit der es verwendet wird. Und so sammle ich als verantwortungsbewusster Nachhaltigkeitssammler, dem auch an einem nachhaltigen Wachstum seiner Sammlung gelegen ist, natürlich nicht alle Zeitungsausschnitte, in denen Nachhaltigkeit bloß als Begriff irgendwie vorkommt, nein, sondern nur diejenigen Statements zur Nachhaltigkeit sammle ich, die dem Gedanken der Nachhaltigkeit auch tatsächlich, und zwar nachhaltig, weiterhelfen.
Darf ich Ihnen vielleicht ein paar Glanzstücke aus meiner Sammlung zeigen? Hier zum Beispiel haben wir die berühmte doppelseitige Anzeige der Rewe-Group mit der Überschrift „Die vier Säulen der Nachhaltigkeit“, welche in diesem Konzern nun Gesetz sind und im Text im einzelnen erläutert werden. Die ersten zwei Säulen kommen noch recht konventionell daher: „Grüne Produkte“ sind die erste Säule, die gehandelten Produkte sollten in der näheren Umgebung produziert worden sein, wenn es irgendwie geht, usw.; „Energie, Klima und Umwelt“ ist die zweite, wobei es vor allem darum geht, dass nach Ladenschluss in der Rewe die Innenbeleuchtung abgedreht wird, was gut ist für die CO2-Bilanz und Stromkosten spart … Geschenkt, diese ersten zwei Säulen! Aber die letzten zwei sind dann tatsächlich doch sehr innovativ und brachten den Nachhaltigkeitsdiskurs nachhaltig weiter. Die „3. Säule der Nachhaltigkeit“ sind bei der Rewe die „Kunden“. Dass ein Konzern seinen Kundenkreis nachhaltig betreuen und zufrieden machen möchte und nicht etwa darauf aus ist, ihn, unter Einsatz von Werbemitteln vielleicht und auf Kosten der Konkurrenz, möglichst noch zu vergrößern, was ja doch nur Gegenwerbung heraufbeschwören müsste, die die Nachhaltigkeit des eigenen Kundenstamms früher oder später auch wieder in Frage stellen würde - das hatten wir von solchen Konzernen bis dahin noch nicht gehört. Und die vierte Säule der Nachhaltigkeit bei der Rewe-Group sind dann noch die „MitarbeiterInnen“ - die in diesem Konzern humanerweise jetzt ebenfalls nachhaltig behandelt, also nicht schneller vernutzt werden, als sie auch wieder nachzuwachsen in der Lage sind. (Prinzip der Erneuerbarkeit.)
Oder sehen Sie sich hier diese Annonce an von BRP, einem Hersteller von motorisierten Powersportgeräten, Außenbordmotoren und ähnlichem, der selbstbewusst bekannt gibt, dass er jetzt ebenfalls den Prinzipien der Nachhaltigkeit folgt. Das kann nur bedeuten, dass man beim Kauf der Produkte dieser Firma eine Verordnung mitgeliefert bekommt, nach der man sie höchstens einmal im Jahr in Betrieb nehmen darf, weil ja das zu ihrer Ingangsetzung benötigte Rohöl nur so verdammt langsam auch wieder nachwächst. (Prinzip der Erneuerbarkeit.)
Erstaunen wird es Sie vielleicht, dass der Nachhaltigkeitsdiskurs zwar durch den Brundtland-Report von 1987 und die UN-Entwicklungskonferenz in Rio 1992 in Gang gesetzt wurde, dass aber diese beiden Dokumente sich trotzdem nicht nachhaltig in meiner Sammlung haben halten können. Denn die „nachhaltige Entwicklung“, von der in ihnen im wesentlichen die Rede ist, konnte den Kriterien der Nachhaltigkeit leider nicht nachhaltig entsprechen. Das lässt sich leicht veranschaulichen: Wenn jetzt sämtliche Entwicklungs- und Schwellenländer durch eine sogenannte nachhaltige Entwicklung auf unser Wohlstandsniveau angehoben würden, könnten sie dann ja zum Beispiel als Gleiche unter Gleichen mit uns am Weltmarkt konkurrieren, was ganz zwangsläufig die Chancen der kommenden Generationen in Europa, in Japan und den USA katastrophal schmälern müsste. Nachhaltige Entwicklung, folgt daraus, ist ebenso ein Widerspruch in sich und ein Ding der Unmöglichkeit wie zum Beispiel auch ein nachhaltiges Wachstum, das auch immer entweder zu Lasten anderer geht oder schnell an sonstige Grenzen stoßen wird. Als verantwortungsbewusster Nachhaltigkeitssammler habe ich alle nachhaltige Entwicklung und sämtliches nachhaltiges Wachstum schon lange aus meiner Sammlung exkludiert.
Im Einzelfall ist es ja manchmal wirklich schwer zu entscheiden, ob etwas nachhaltig ist oder nicht. Manchmal ziehe ich dann meine Referenzmaterialien zu Rate. Duftet es verführerisch und leuchtet es rot wie ein frisch gekaufter Strauß roter Rosen? Dann ist es ganz sicher nicht nachhaltig. Oder schaut es eher aus wie ein Brückenpfeiler aus Beton? Beton - da sind sich alle einig - ist schon sehr nachhaltig. Lächelt es uns an wie ein Schneemann in den ersten Strahlen der Frühlingssonne? Dann ist es ganz sicher nicht nachhaltig. Oder strahlt es uns eher an wie die Atomruine von Tschernobyl? Der GAU von Tschernobyl war in den Auswirkungen ganz ohne Zweifel nachhaltig.
Trotzdem ist das natürlich auch oft relativ und subjektiv. Cäsium 137 zum Beispiel strahlt bekanntlich nur noch halb so stark nach 30 Jahren. Für die meisten ist das noch nicht wirklich nachhaltig. Aber beim Plutonium 239 dagegen mit seiner Halbwertszeit von über 24.000 Jahren wird kaum noch jemand widersprechen: Beim Plutonium 239 kann man trotz dieses Strahlungsschwunds, den es ja immer gibt, schon von einer einigermaßen nachhaltigen Nachhaltigkeit ausgehen.
10. Dezember 2011
Der fünfte Band
Nachtragen möchte ich noch: Ich habe nun auch gelesen Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums, Bd. 5: Das 9. und 10. Jahrhundert“. Schön an solch riesigen Projekten, die vom Autor quasi ein Leben lang verfolgt werden, ist es ja auch, wenn sie fast zwangsläufig im Lauf ihrer Entstehung auch eine Entwicklung durchmachen; wenn sie zum Beispiel ein Feedback bekommen auf die ersten Bände, schon während die letzten noch gar nicht abgeschlossen sind, und darauf noch während der Entstehung reagieren können.
So enthält dieser fünfte Band ein 22-seitiges Editorial, in dem es um ein dreitägiges Symposium geht, mit dem 1992 kirchennahe Kreise auf die ersten drei Bände von Deschners Werk reagiert hatten. Aussitzen erschien diesen Kreisen um den Professor für Historische Theologie an der Universität-Gesamthochschule Siegen offenbar als nicht mehr angemessene Reaktion auf Deschners Arbeit, und so hatte er u. a. zwei Dominikaner, einen Franziskaner und einen Hochschullehrer für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie zum Symposium nach Schwerte geladen, mit dem Titel: „Kriminalisierung des Christentums? Karlheinz Deschners Kirchengeschichte auf dem Prüfstand“. Deschner war ebenfalls eingeladen, schreibt er, aber wollte sich der kirchennahen Übermacht aus ordentlichen, außerordentlichen, außerplanmäßigen und emeritierten Profs nicht leibhaftig aussetzen und hatte beschlossen, sie lieber alleine mal machen zu lassen. Sämtliche Referate des Symposiums erschienen dann 1993 als ein Buch im Herder-Verlag, mit dem stattlichen Umfang von 320 Seiten und zum stattlichen Preis von 58 DM. In manchen der Referate in dem Buch, schreibt Deschner, reihe sich ein gefälschtes Zitat an das andere, um Deschners angebliche Unseriosität zu belegen, andere Referenten seien relativ fairer mit ihm umgegangen. Pars pro toto gehe er nun in dem Editorial auf den Vortrag von Maria R.-Alföldi detailliert ein, die sich ungefähr in der Mitte zwischen den beiden Polen bewegt hätte; und weil, auf alle Beiträge in dem Buch einzugehen, aus Platzgründen natürlich nicht möglich gewesen wäre, ohne dieser Auseinandersetzung einen ganzen eigenen Band von ähnlicher Stärke wie das Buch aus dem Herder-Verlag zu widmen.
Diese Frau R.-Alföldi „findet es schwer“, leitet sie ihr Referat „Kaiser Konstantin: ein Großer der Geschichte?“ ein, „auch nur annähernd den Inhalt wiederzugeben“ von Deschners Thesen. Sie bemängelt seine „unakademische Direktheit der Darstellung“, nennt sie „populär“, „populistisch“ oder auch „von starker Tendenziösität geprägt“, vorerst noch ohne jeden Versuch, den Vorwurf konkret zu belegen. Dann hält sie ihm zum Beispiel vor, dass er Soldaten „Schlächter“ nennt, worauf er ihr zugibt, dass das in der etablierten Geschichtswissenschaft sicher nicht üblich wäre, wohingegen, was die Heuchelei gut aufzeige, dort von „schlachterfahren, Schlachtenlenker, Schlachtenruhm und Schlachtentod“ zu sprechen durchaus ja erlaubt und wohlgelitten sei.
Mit Sätzen wie „Man liest, daß Konstantin seine Abstammung gefälscht hat“ oder „Die ersten Regierungsjahre … sind nichts weiter als schreckliche Kriege gegen armselige Germanen, die dann, gefangengenommen, erbarmungslos abgeschlachtet werden“ suggeriert R.-Alföldi weiterhin, dass Deschner damit Unwahrheiten oder Übertreibungen verbreiten würde, ohne dass sie Deschners Fakten auch wirklich in Abrede stellen könnte. Weiterhin fälscht sie dann aber auch Zitate von Deschner oder stellt sie in falsche Zusammenhänge, um ihm Ungenauigkeiten oder gar Fälschungen vorwerfen zu können.
„Tendenziös“ nennt sie zum Beispiel seinen Satz: „Die Größe des Wütens ist es, die das Verbrechen straflos macht.“ Das ist aber nicht Deschners Satz, sondern er kommt vom hl. Cyprian und wird von Deschner als einer von Cyprian zitiert. Sie behauptet, Deschner sehe die partielle Verbesserung durch Konstantins Gesetze nicht. Deschner hat diese partielle Verbesserung gegenüber dem vorherigen Zustand aber im Gegenteil ausdrücklich erwähnt. Sie behauptet, er sehe Konstantins Zurückhaltung gegen die Heiden nicht. Deschner hat diese Zurückhaltung ebenfalls ausdrücklich erwähnt.
Sie hält ihm die falsche Schreibweise von Namen vor, um ihn als Laien dastehen zu lassen. In Wirklichkeit sind unterschiedliche Schreibweisen dieser betreffenden Namen absolut üblich.
Und einen wirklichen sachlichen Fehler findet sie dann aber doch noch bei Deschner, den er einräumen muss: Konstantins „Nimbus“ auf den Münzen kann nicht umstandslos mit einem „Heiligenschein“ gleichgesetzt werden. Da gibt es für den Fachmann gewisse geringfügige Unterschiede.
Soviel also zu diesem Editorial, das ganz schön aufzeigt, wie die etablierte kirchennahe Historikerzunft reagierte und wie sie es unternommen hat, Deschners bestens belegte Fakten - dieser 5. Band hat wieder einen stattlichen Anmerkungsapparat von 89 kleingedruckten Seiten - als unseriös, tendenziös, übertrieben, wenn nicht gar faktisch falsch erscheinen zu lassen.
Zu den Verbrechen selber in diesem 5. Band der „Kriminalgeschichte des Christentums“: Am beliebtesten scheint bei den Päpsten und beim christlichen Adel und Kaisertum im 9. und 10. Jahrhundert der Meineid gewesen zu sein, in Form gebrochener Treueschwüre. Die Päpste schwuren ständig einem weltlichen Herrscher die Treue und ebenso seinem Rivalen und seinen Todfeinden und wechselten im Bestreben, dass niemand groß werden sollte außer die heilige römische Kirche, ständig pragmatisch-opportunistisch die Fronten. Weiters in den Best of Crimes: Die pseudoisidorischen Dekretalen als folgenschwerste Fälschungen der Weltgeschichte, angefertigt, um angeblich uralte Vorrechte der Päpste vor den Kaisern zu belegen; Otto I., gutchristlicher Herrscher, genannt natürlich „der Große“ ließ einmal 700 slawische Kriegsgefangene köpfen; und der Papst Sergius III. ging in die Geschichte ein als der „Mörder zweier Päpste“.
Eher aus der Abteilung der Kuriositäten: Die sogenannte „Leichensynode“, bei der einem Papst, der schon zu stinken anfing, weil er nämlich schon tot war, von seinem Nachfolger und Konkurrenten aus Lebzeiten noch ein Schauprozess gemacht wurde. Die synodalen Beschlüsse waren danach, je nach Kräfteverhältnis, mehrmals annulliert und wieder in Kraft gesetzt worden. Ja, und außerdem wurde zu jener Zeit auch die Erbfolge unter Päpsten - hört, hört! - etabliert. Anders gesagt: Die Liebe, die körperliche Liebe zog machtvoll ein in den Vatikan. Die Zeit des Nepotismus, der Günstlingswirtschaft also, heißt diese Phase, von heute aus betrachtet. Selbst aus heutiger offizieller Kirchensicht war da für ein paar Päpste lang tatsächlich nicht alles ganz koscher im Vatikan.
07. Dezember 2011
Ich habe gelesen ...
… nichts von Belang in den letzten Wochen, wie es bei mir eben immer so ist, wenn ich ein eigenes Ding am Fertigschreiben bin. Ich nehme mir dann allenfalls von Zeit zu Zeit, um auszuspannen und abzuschalten, ein Buch zur Hand, das möglichst nichts mit dem eigenen Schaffen zu tun haben soll, am besten eines mit vielen kurzen und kleinen Stückeln, das keine Ausdauer erfordert und jederzeit weggelegt werden kann, ohne den Überblick zu verlieren. Konkret fiel meine Wahl zum Beispiel auf den Band „50 Klassiker: Skulpturen“ aus der Reihe „Gerstenberg visuell“, ein hübsch gemachtes Buch, das nun wirklich herzlich wenig mit meiner eigenen Textproduktion zu tun hatte und mir ein paar Tage lang in reich bebilderten Häppchen von drei, vier Seiten zwischendurch Entspannung und Ablenkung verschaffte und mir dabei vor allem auch meine beträchtlichen Bildungslücken in diesem Bereich der bildenden Kunst verringert hat. Die Machart des Buches, der Informationsgehalt, der Mut auch zur subjektiven Wertung der besprochenen Skulpturen hatte mich wirklich überzeugt, und so griff ich danach noch zu einem anderen Band aus derselben Reihe, der dann aber schon mehr mit meinem eigenen Schaffen zu tun hatte. „50 Klassiker: Romane des 20. Jahrhunderts“ mir in dieser Art zu Gemüte zu führen, beinhaltete schon ein gewisses Risiko, mich noch beeinflussen zu lassen in der Fertigstellung meines eigenen Werkes, dem ich normalerweise also aus dem Weg gehe. Aber einen Roman schrieb ich ja nun nicht, und so schien mir das Risiko auch wiederum nicht allzu groß zu sein.
Die ersten drei besprochenen Romane in dem Band - Conrads „Lord Jim“, Thomas Manns „Buddenbrooks“ und Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, hatten etwas gemeinsam, was in gewissen Romantheorien eher als Schwachpunkt angesehen wird und woran nach Ansicht so einiger Kritiker auch meine eigene Literatur krankt. Und da dachte ich mir: Na, wenn das so weiter geht! Da bin ich jetzt aber gespannt, wieviele dieser 50 klassischen Romane des 20. Jahrhunderts wohl diesen Makel haben werden? Ich habe am Ende durchgezählt.
Ganz so schlimm ist es dann aber doch nicht geworden. Denn außer den erwähnten waren nur noch Woolfs „Miss Dalloway“, Fitzgeralds „Der große Gatsby“, Remarques „Im Westen nichts Neues“, Faulkners „Licht im August“, Millers „Im Wendekreis des Krebses“, Klaus Manns „Mephisto“, Mitchells „Vom Winde verweht“, Hemingways „Wem die Stunde schlägt“, Kerouacs „Unterwegs“, Lampedusas „Der Leopard“, Grass' „Blechtrommel“, Updikes „Hasenherz“, Lessings „Goldenes Notizbuch“, Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“, Márquez' „Hundert Jahre Einsamkeit“, Beckers „Jakob der Lügner“ und Couplands „Generation X“, insgesamt also 20 der 50 Romanklassiker mit dem Makel behaftet, der auch meinen eigenen Texten fast immer anhaftet und den ich in der Gattung des Romans nur als gelegentliche und ausnahmsweise Erscheinung erwartet hätte: Alle diese 20 Romane sind im wesentlichen autobiografisch grundiert und fundiert. Immerhin 40 Prozent der besprochenen 50 Autoren von Romanklassikern setzten also in ihren Werken nicht an zum freien Flug ins Reich der Phantasie, sondern sie beschrieben im Grunde, mal besser, dann wieder nur kaum getarnt, sich selbst und ihr Leben. Und - legt man jene gewissen Romantheorien zu Grunde - dann haben also nur die anderen 30 fiktiv, das heißt wirkliche Romane geschrieben. Der „Ulysses“ zum Beispiel ist zwar ebenfalls eine grandiose One-Man-Show von James Joyce, aber ganz unzweifelhaft ein wirklicher Roman. Was Thomas Pynchons Werke angeht, so lässt sich ihr autobiografischer Gehalt bekanntlich schwer quantifizieren. Aber ich sollte da jetzt nicht weiter allzu genau nachfragen. Immerhin 60 Prozent der Romanklassiker aus diesem Kanon pflegen sie ja doch, während sie meiner Literatur meist vollkommen abgeht: die frei flottierende Phantasie.
14. November 2011
Eine Bildungslücke
Von Karl Kraus habe ich praktisch schon alles gelesen. Während langer Jahre hatte ich in meinen Wartezeiten als Taxifahrer stets einen Band mit Fackel-Heften zur Hand. Viel über Wien habe ich da erfahren, noch bevor ich es selbst kennenlernte, über die Wiener Geschichte, über die Wiener und die österreichische Mentalität. Mehr noch habe ich in diesen Bänden über Sprache gelernt, mir auch selbst daraus eine Sprachlehre für den Eigenbedarf kompiliert.
So ziemlich alles, was es sonst noch gibt von Karl Kraus, habe ich irgendwann ebenfalls gelesen: seine Essays und Textzusammenstellungen wie „Sittlichkeit und Kriminalität“, die Aphorismensammlungen, seine Briefe … Nur ein einziges seiner Werke, und zwar ausgerechnet das bekannteste, konnte ich mir nie antun: „Die letzten Tage der Menschheit“.
Ein Theaterstück über den 1. Weltkrieg. Es ist eines jener Kunstwerke, bei denen das monströse Thema eine Form erheischt hat, die alle herkömmlichen Formen sprengt. Als Theaterstück ist es definitiv unaufführbar. In der Buchausgabe (ohne Anhang) knapp 700 Seiten stark, ist es laut Kraus' Vorwort bekanntlich „einem Marstheater zugedacht“ und würde „nach irdischem Zeitmaß etwa zehn Abende umfassen. Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten.“
Ich kannte die Auszüge, die Karl Kraus in der Fackel abgedruckt hatte. Ich hatte Ausschnitte im Fernsehen und auf Video gesehen, wohl auch die eine und die andere komplette Aufführung, bei der sich wagemutige Theatermenschen trotzdem an das Ding herangetraut und ihre Auswahl daraus getroffen hatten, notgedrungen, auf dass das Werk auch einem irdischen Publikum präsentiert werden konnte. Nicht zuletzt hatte ich auch Qualtinger aus den „ Letzten Tagen der Menschheit“ vortragen gesehen. Aber mir das Werk auch einmal komplett zu geben - dazu hatte ich mich nie aufraffen können. (Obwohl ich solchen Opi Magni gegenüber sonst nicht abgeneigt bin und sie mir von Zeit zu Zeit sogar sehr gerne gebe.)
Jetzt habe ich die Bildungslücke aber doch noch schließen können. Und das kam so: Vor ein paar Wochen hatte ich in der Wiener Stadtbibliothek die Radiofassung des ORF entdeckt, das komplette Werk, ungekürzt, radiogerecht, aber nicht zu üppig mit ein paar Atmosphären und Hörspielelementen versehen. Ausgestrahlt wurde sie erstmals 1974, vermutlich in 23 Folgen, denn im Umfang von 23 CDs lag sie dort für mich bereit, und in 23 Etappen, mehr oder weniger, habe ich mir das Werk jetzt also doch noch komplett vortragen lassen.
Nur in dieser Form ging das, denke ich mir. Ein Lob dafür an den ORF. Aber mein Widerwillen gegenüber dem Werk ist dadurch nicht geringer geworden, dass ich es jetzt kenne. Nein, meine zuvor nur vage Ansicht, dass es sich dabei um Kraus' schwächstes Werk handeln dürfte, erscheint mir jetzt wohl begründet.
„Die letzten Tage der Menschheit“ hätten eine beeindruckende Dokumentensammlung über den 1. Weltkrieg und ein grandioses Stück Dokumentartheater sein können, weil sie ja großenteils aus wörtlichen Zitaten bestehen, aus Pressemeldungen, aus Plakatanschlägen, aus öffentlichen Reden und Verlautbarungen, aus Soldatentagebüchern, aus Feldpostbriefen, aus aufgeschnappten Äußerungen auch des Mannes und der Frau auf der Straße. Zusätzlich gibt es die Szenen zwischen dem „Abonnenten“ und dem „Zweifler“, in denen dieser jenem erklärt, was aus den Propagandameldungen der Presse heraus zu lesen wäre und wie sie ebenfalls interpretiert werden könnten. Diese Dialoge zwischen dem Abonnenten und dem Zweifler gehen über die Form der reinen Dokumentensammlung und eines Theaterstücks nur aus Zitaten schon hinaus, aber selbstredend ist das auch immer die gewohnt geniale Kraussche Textanalyse und Sprachkritik, was der Zweifler da von sich gibt, und so hätte das die verbindende Ebene in dem Drama abgeben können. Aber dazu kommt dann eben auch noch Karl Kraus selbst in Form seines Alter Ego, als „Nörgler“ zu Wort, und erklärt einem sogenannten „Optimisten“ in sage und schreibe 24 Szenen, wie katastrophal und barbarisch dies doch alles ist, und einmal dauert solch ein Dialog geschlagene 50 Minuten, das heißt ganze 34 Buchseiten lang! Der „Optimist“ ist dabei immer nur ein reiner Stichwortgeber für den „Nörgler“, worauf ihm dieser dann immer seine grundnaiven Ansichten korrigiert. Damit nicht genug, ist dieser absolut untheatralische Kommentator noch zusätzlich in einer Szene „im Vortragssaal“ und gegen Ende des 5. Akts mit einem resignativen Fazit zu hören, einem Monolog allein zu Hause, an seinem Schreibtisch.
Karl Kraus' Vortragskunst mitbedacht - die auf den alten Aufnahmen heute aber auch schon zuweilen veraltet und unangenehm pathetisch wirkt - sind „die letzten Tage der Menschheit“ also so etwas wie seine Stoffsammlung aus Dokumenten zum 1. Weltkrieg und seinen Kommentaren dazu. Aber ein gutes Theaterstück ist das, auch für ein Marstheater, beim besten Willen nicht. Die Dokumente sind oft bewegend. Sie sind oft schockierend. Sie machen die allgemeine Verrohung spürbar zu den Zeiten dieser großen Menschheitskatastrophe und die abgrundtiefe Verzweiflung derer, die sich noch einen Rest an Menschlichkeit bewahrt hatten. Aber diese Figur mit den weitaus meisten Auftritten im Stück, dieser penetrant belehrende Nörgler nervt.
10. November 2011
Helmpflicht
Wenn in Deutschland die Helmpflicht für Radfahrer kommen sollte, dann in erster Linie deshalb, damit einige in der Helmbranche Tätige ein schönes Wirtschaftswunder verzeichnen können.
Ich bin aber auch gegen die Helmpflicht für radfahrende Kinder. Die trägt nur dazu bei, dass die Autofahrer auch weiterhin meinen, bedenkenlos rasen zu können.
31. Oktober 2011
Das hätt's nicht braucht
Das hätt's nicht braucht, dass sich jetzt auch Roland Emmerich, der gewöhnlichste Katastrophenfilmregisseur aller Zeiten, Shakespeare einmal angenommen hat. Vermutlich werden wir in Nebenhandlungen jede Menge normale Familienväter kennen lernen, die im Laufe des Films Gelegenheit bekommen, ihren Mut unter Beweis zu stellen, bis zu Ende hin viel fette Pyro- und Computertechnik zum Einsatz kommt und der Hauptheld, der aber überraschenderweise gar nicht Shakespeare sein wird, die Welt halb zu Schrott verwandelt, um sie halb zu retten.
05. Oktober 2011
Servus, neuer Teamchef!
Mit der fetten Schlagzeile „Marcel wer?“ wird der neue Teamchef Marcel Koller heute vom Wiener Gratis-U-Bahn-Blatt heute willkommen geheißen.
Das ist nicht so brüsk unhöflich, wie es auf den ersten Blick vielleicht aussieht. Das Blatt will damit nur in seiner Art den Verantwortlichen klar machen, dass zuerst einmal der Österreichische Fußballbund oder eine verwandte Institution eine Serie von Anzeigen in heute wird schalten müssen. Und danach erst wird dann über Koller, auch wohlwollend, berichtet. Ist ja klar: Von irgendwas muss so ein Gratisblatt schließlich leben.
01. Oktober 2011
Nur ein Gerücht
Angeblich geht in gewissen Kreisen das Gerücht um, Trachten seien jetzt wieder in Mode.
Das Gerücht entbehrt jeder Grundlage. Nur Wald- und Wiesenmenschen, die auf Feldern oder Almen arbeiten und noch kaum einen Zugang zu Kultur und Bildung genießen konnten, tragen im europäischen Raum heute noch Tracht. In modernen und weltoffenen Städten wie Wien werden Leute, die immer noch in Dirndln und Lederhosen herumlaufen, als dumme Bauerntrampel belächelt, wenn sie Glück haben, öfter aber gleich ganz unverhohlen verachtet.
Trotzdem verirren sich immer wieder mal Trachtenträger auch in unsere Stadt. Sie werden dann oft von Touristen abfotografiert, die nicht die Zeit haben, auch die ländlichen Regionen Österreichs zu besuchen, wo es das skurrile Fotomotiv noch häufiger aufzufinden gibt, auch wenn Trachten auch am Land heute im Grunde bloß noch von Gastronomieangestellten, von Volksmusikanten und rechtsextremen Politikern bei der Arbeit getragen werden.
12. September 2011
Lieblingsmeldung des Tages
Ich fand sie unter der Rubrik „Köpfe“ im heutigen Kurier und hier ist sie - zum Nachdenken und Genießen - Wort für Wort und in voller Länge:
LIZ MOHN (70) Die Frau an der Spitze des größten europäischen Medienkonzerns Bertelsmann blickt in ihrem Buch „Schlüsselmomente“ auf ihre erstaunliche Karriere zurück. Sie durfte nie eine weiterführende Schule besuchen und war Telefonistin als sich der 20 Jahre ältere Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn in sie verliebte. Doch sie hat ihren ganzes Leben lang gelernt, es zu schaffen.
Punkt. Aus.
Kurz, knackig, informativ, dazu noch dieser subtil verabreichte Schuss fernöstlicher Weisheit - so muss eine Meldung sein!
Ich werde mir Mohns Memoiren auf jeden Fall zulegen, denn von ihren ganzes Leben lang lernen heißt, es schaffen lernen.
22. August 2011
Die Schere
Die Schere geht immer weiter auf zwischen Arm und Reich?
Das ist zwar unangenehm, besonders für uns Arme, aber andererseits: Eine Schere, die nicht mehr aufgehen würde, könnte man sich auch gleich komplett schenken.
11. August 2011
Riots all over England
Seit Tagen Ausschreitungen in ganz England, und man fragt sich: Wann tritt die Queen endlich ab?
08. August 2011
Eine Begegnung mit Roman Opalka
Roman Opalka ist tot. Ein Auszug aus meinem „Philosoph auf Reisen“ beschreibt die persönliche Begegnung mit seinem streng konzipierten und aufs äußerste konsequent verfolgten Lebenswerk.
Bremen, Februar 2004, Neues Museum Weserburg:
… Beim Eintreten in den ersten, nicht sehr großen Saal ist ein leises Gemurmel zu vernehmen, das vom Band kommt. Eine angenehme, männliche Stimme flüstert etwas, was mir zunächst noch unverständlich bleibt. Ich sehe mich um. Eine Vitrine, verschiedene Bilder an den Wänden. Ein unspektakuläres, wenn nicht gar spröde daherkommendes Ensemble. Ich lausche genauer hin auf die Worte vom Band. Das könnte Polnisch sein. Es könnten vielleicht polnische Zahlen sein. Mir schwant da etwas. Ist das vielleicht...?
Ich wende mich den Bildern zu. Zuerst fallen mehrere großformatige, frontal aufgenommene Schwarzweißportraits auf, alle desselben Mannes, im immer gleichen weißen Hemd, mit immer demselben Goldkettchen um den Hals. Ein kleiner Schock: zwischen den Aufnahmen ist er um Jahre gealtert.
Jedem der Portraits ist eine bemalte Leinwand zugeordnet. Aus der Ferne sehen sie aus wie monochrom-graue Rechtecke, in unterschiedlichen Tönungen von einem dunklen bis zu einem sehr hellen, fast schon weißen Grau. Ich trete näher, und da bestätigt es sich: von diesem Werk habe ich in der Tat schon gehört. Denn beim näheren Hinsehen entpuppen sich die scheinbar grauen Flächen der gemalten Bilder als mit dünnem Pinsel aufgetragene fortlaufende Zahlen, die in engen Zeilen die Fläche dieser Leinwände komplett ausfüllen. Es handelt sich tatsächlich um Bestandteile aus Roman Opalkas Lebenswerk „1965/1 – ∞“.
Seit 1965 verbringt der Künstler sein Leben damit, dass er Leinwände einheitlicher Größe mit den Zahlen von 1 bis unendlich beschriftet. Immer, wenn er mit dem Beschriften einer neuen Leinwand beginnt, mischt er eine Spur mehr von Weiß in das Grau der Farbe. Auf diese Weise nähert er sich, wie er sich auf der Zahlenebene auf die Zahl ∞ zubewegt, auf der visuellen Ebene noch dem alten paradoxen Traum in der Malerei an vom „weißen Bild“.
Während er so malt – oder schreibt? –, spricht er die Zahlen laut mit und nimmt dies auf Tonband auf. Dies ist das Gemurmel, welches im Raum zu hören ist. In einer Vitrine gibt es Schallplatten, die davon zu Anfang der Siebziger Jahre eine Zeitlang gepresst wurden, in Vinyl. Daneben liegen spätere Aufnahmen, in Form von Musikcassetten. Wiederum spätere als CDs. Die Aufnahmetechniken haben sich geändert, Opalkas Vorgehensweise ist die gleiche geblieben.
Am Ende eines jeden Arbeitstags macht er die fotografischen Selbstportraits, wie sie neben den Leinwänden zu sehen sind, und dokumentiert so auch auf dieser Ebene, wie er sich im Zuge der Arbeit an dem Werk verändert hat. Opalkas Schaffen ist also ein einziges großes fest konzipiertes Lebenswerk, wenn auch vielleicht nicht exakt zum Thema „Zeit“, so doch jedenfalls zu den Themen „Unendlichkeit“, „Wandel“ und vor allem auch „Altern“.
Dieser äußersten Konsequenz Opalkas muss ich jetzt, bei der persönlichen Begegnung mit dem Werk, große Bewunderung zollen. Es hat dies aber auch eine gehörige Portion mönchischer Strenge: eine und genau nur diese eine künstlerische Idee das ganze Leben hindurch umsetzen zu wollen! Das ist schon wirklich radikal! Das ist schon wirklich starker Tobak!
Ich weiß es nicht, ob er auch heute noch Tag für Tag an seinem Werk sitzt. Er müsste dann wohl schon beim Malen von nahezu weißen Zahlen auf weißem Grund angekommen sein. Aber an dem gewiss reiflich erwogenen und seit 1965 verfolgten Ziel wäre er damit noch lange nicht: das Werk weiter zu führen bis zur Zahl ∞ …
Von ein paar Wochen Urlaub im Jahr und einigen beruflichen Reisen abgesehen hatte er es bis zuletzt versucht.
05. August 2011
Kein Gestaltungswille
Im sog. „Einzerkastl“ auf der Titelseite des heutigen Standard wirft Hans Rauscher ein, was ihm zur beinah schon permanent gewordenen Wirtschaftskrise auch noch aufgefallen ist.
Nicht er selbst - da ist seine Bescheidenheit vor -, sondern die Deutschen würden ihrer Kanzlerin Merkel Wankelmut in den Zeiten der Krise vorwerfen, und die Franzosen ihrem Sarkozy Egomanie. Wie sähe das wohl aus, macht sich Hans Rauscher dann weiterhin Gedanken, wenn statt derer ein Helmut Schmidt und ein Giscard d'Estaing noch am Ruder wären. Alle viere, die heutigen wie die damaligen, seien sie glühende Europäer (gewesen). Auf dieser Ebene, schreibt Rauscher, würde sich wohl kaum etwas ändern. Und vielleicht hätten aber auch diese großen alten Männer in der heutigen Situation nicht den Großen Wurf landen können, sondern einfach irgendwie weitergewurschtelt. Vielleicht sei dieses Weiterwurschteln, fällt ihn da eine Ahnung an, tatsächlich die einzige Möglichkeit und das Gebot der Stunde.
Aber ein Paradigmenwechsel werde heute gar nicht mehr gesucht, wird Rauscher dann trotzdem wieder so vehement, wie wir ihn kennen. Bei allen diesen heutigen Politikern, zieht er ein bitteres Fazit, sehe er „keinen Gestaltungswillen“.
Das ist nun gerade das, was es zu allerletzt braucht: Ein Gestaltungswillen, wie er sich beim Vollschreiben solcher Einzerkastln austobt, von Leuten, die weiter jeden Tag brav in die Arbeit gehen, ihre Miete zahlen, und ganz so wie ich und wie alle sonstigen Menschen auf der Welt mit jeder Faser ihres verdammten Ichs ins große schlechte Ganze eingewoben sind, aber ihrem dumpfen Unbehagen darüber Ausdruck geben, indem sie mit spitzem Finger auf Einzelne zeigen, und sie beschuldigen, dass ihr Streben nach einem Paradigmenwechsel völlig unzureichend sei, oder dass es ihnen am Gestaltungswillen mangeln würde und ähnliches mehr. Wenn das große Problem auf der Welt aus der Unfähigkeit oder der Gier oder was auch immer Einzelner resultieren würde, wäre es schon längst gelöst. Dieses ewige Personalisieren des Problems lenkt davon ab, sich mit der Kompliziertheit der Materie auseinanderzusetzen, und geht deshalb haargenau in die falsche Richtung.
Und ansonsten ist tatsächlich - es ist traurig aber wahr! - bis auf Weiteres ein Weiterwurschteln angesagt. Selbst eine Frau Merkel, die doch die profunde Schulbildung in der DDR genossen hat und bestimmt auch den 3. Band von Marx' „Kapital“ hat lesen müssen, in dem es um die Internationalisierung des Kapitals und um die Finanzmärkte geht, weiß sich keinen anderen Rat. Ich ebenfalls nicht. Aber ein kleiner Fortschritt wäre es vielleicht, wenn auch Herr Rauscher die drei Bände erst einmal lesen würde, bevor er sich wieder in die Debatte um diese schwierigen Probleme mit der Weltwirtschaft einschaltet. Er kann ja bis dahin auch mit zum Beispiel kleinen humorigen Sprachglossen in seinen Einzerkastln irgendwie weiterwurschteln und seinem unbezähmbaren Gestaltungswillen gewiss auch auf andere Art Genüge tun.
16. Juli 2011
Eine Live-Reportage
aus dem kaiserlichen Wien
7:02 Blick aus dem Fenster: Echtes Kaiserwetter!
7:21 Fernseher aufgedreht. Die Vorberichterstattung hat noch gar nicht angefangen. Zur Einstimmung Haydn aufgelegt: Streichquartett in C-Dur, op. 76, Nr. 3. Musste dabei aber vor allem an Deutschland denken.
7:35 Kinderprogramm Okidoki: Kinder sollten nicht am herabhängenden Stromkabel ziehen, wenn der damit verbundene Wasserkocher auf der Anrichte mit kochend heißem Wasser gefüllt ist. Ein vernünftiger Ratschlag, aber ein Zusammenhang mit dem Kaiserbegräbnis erschließt sich mir nicht.
8:44 Ich war fürs Wochenende einkaufen. Alle Geschäfte waren wie üblich geöffnet. Ein bewusster Affront von Seiten des Einzelhandelsverbands? Die Kassiererin im Supermarkt sah traurig aus.
9:21 Heute habe ich mir zum ersten Mal eine Kronenzeitung gekauft. Wann, wenn nicht heute? Ich war enttäuscht. Gerade einmal zwei Seiten Vorberichterstattung aufs heutige Begräbnis. In einem politischen Kommentar schreibt dazu noch Ernst Trost zur US-amerikanischen Schuldenproblematik, was ziemlich weit hergeholt und höchstens vom Namen des Autors her dem heutigen Tag angemessen ist: „Wie viele scheinbar unbesiegbare Reiche sind entschwunden. Kaum einer konnte sich vor hundert Jahren den Zusammenbruch der großen Monarchien ausmalen. Das Trauerzeremoniell für Otto von Habsburg sollten (sic!) uns Anlass sein, auch über die Nichtigkeit aller Macht nachzudenken …“ Nur zwei LeserInnenbriefe sind in der heutigen Krone so monarchenfreundlich, wie man es eigentlich von einer ganzen Zeitung mit diesem Namen hätte erwarten dürfen. Einer von einer Dame aus Klosterneuburg. Sie hat ein rührend unbeholfen daher kommendes, aber dadurch nur umso volksnäher wirkendes Gedicht gemacht. Darin heißt es u. a.: „Sein Wirken damals nicht vergolten hat,/ ist nun für unser Land kein Ruhmesblatt! / Otto von Habsburg immer hilfsbereit, / er gab so viel in seiner Lebenszeit, / zu spät rechnet man ihm sein Wirken an,/ was für Europa, Österreich getan!“ Da hört man förmlich, wie ihr beim Rezitieren vor Trauer die Stimme versagt. Von so etwas hätte ich mir mehr erwartet. Absolut unpassend dagegen die 20-seitige Beilage in der heutigen Krone, ausgerechnet mit dem Titel „Gesund“.
9:58 Auf ORF 2 läuft jetzt der Spielfilm „Kronprinz Rudolf“. Mit gutem Willen kann man dies als den Beginn der Vorberichterstattung zu den heutigen Feierlichkeiten auffassen. Denn die Titelfigur des Films war nämlich auch mit dem heute in die Kapuzinergruft zu verbringenden Otto weitläufig verwandt.
10:14 Der Film ist von Robert Dornhelm und also unerträglich schlecht. Ich will mir die Wartezeit bis 13 Uhr 10, wenn die Messe im Stefansdom beginnen wird, anderweitig vertreiben und greife in Gedanken verloren in mein Bücherregal und ziehe mir den Bildband mit den berühmtesten Ärzten der Menschheitsgeschichte heraus. Ich schlage ihn aufs Geradewohl auf und stoße nun ausgerechnet, was mich tief erschrocken macht, auf Dr. Guillotin! Manche Menschen sagen ja, es gebe keine Zufälle. Dies war aber mit Sicherheit einer!
10:38 Ich will mich auf angemessenere Weise auf die Ereignisse des Tages einstimmen und höre in die vom ORF produzierte CD-Serie mit den „Letzten Tagen der Menschheit“ rein. Die historisch verbürgte Szene mit dem kaiserlichen Oberbefehlshaber, wie er im Kinosaal sitzt und eine Kriegswochenschau ansieht und bei jeder Explosion auf der damals noch stummen Leinwand entfährt ihm ganz kindlich spontan ein „Bumsti!“ - ich kann sie nicht oft genug hören! Und ich weiß gar nicht: Ist Otto von Habsburg eigentlich still entschlafen oder war er gerade irgendwo unterwegs und plötzlich machte es ein kleines „Bumsti“ und da lag er dann?
11:18 Die Kammerdiener unseres Herrn Bundespräsidenten dürften nun gerade damit fertig geworden sein, ihm alle Orden anzuheften, die Schärpe umzulegen und ihn für den Gang zum Stefansdom ausgehfertig zu machen.
12:00 Weil das österreichische Bundesheer späterhin noch einen Artillerie-Salut abfeuern wird, ist es zu empfehlen, in fünf Kilometer Luftlinie um den Heldenplatz herum, wenn Ihnen das noch möglich ist, Ihre Fensterscheiben mit Polstern und vorgehängten Bettdecken zu schützen.
12:10 Durchsage im Rundfunk. Die U-Bahn-Station Stefansplatz wird aus Sicherheitsgründen bis heute abend nicht bedient werden. Das ist blöd! Das Kaiserbegräbnis sollte nicht zuletzt auch den Fremdenverkehr heben helfen. Jetzt wird es stattdessen heut vor allem eine Menge verwirrter Touristen geben.
12:18 Unser Bundeskanzler Faymann lässt mitteilen, er wird sich ein wenig verspäten. Er konnte erst die Orden lang nicht finden.
12:30 In ORF 2 läuft jetzt ein Dokumentarfilm über Monarchenbegräbnisse. So richtig fette Blumenmeere gibt es ja in jüngster Zeit erst wieder seit dem rätselhaften Tod der Prinzessin Diana. Verschwörungstheorien machten damals die Runde. Hatte vielleicht Elton John seine Hände mit im Spiel, um danach seinen Hit von der „Candle in the Wind“ landen zu können? Wer weiß, wer weiß? Otto von Habsburg wirkte bis vor kurzem eigentlich auch noch ganz frisch und rüstig für sein Alter, wenn ich's recht bedenke.
12:46 In der Doku über die Monarchenbegräbnisse erfahre ich, dass auch Gratzia Patritzia bereits gestorben ist. Ich wusste das noch gar nicht. Ein tragischer Autounfall. Ein Fluch scheint auf diesen Adelshäusern zu liegen!
13:03 In der ZIB 13 wurde von sog. Traditionsverbänden berichtet, die sich zahlreich seit 11 Uhr am Stefansdom versammelt haben, um Otto von Habsburg-Lothringen, dem sie sich traditionell verbunden fühlen, die letzte Ehre zu erweisen. Auch Kaiser Gaddafi hat sich in dieser ZIB publicitywirksam auf die Wiener Ereignisse bezogen. Er gedenkt nämlich ebenfalls nicht, offiziell auf Machtansprüche zu verzichten. Nach den Nachrichten fängt jetzt dann endlich die Live-Übertragung an: „Abschied von Otto Habsburg“. Das von von Otto von Habsburg hat der ORF offenbar, vom -Lothringen ganz zu schweigen, im Sinne eines eingängigeren Titels einfach weggelassen!
13:24 Vorberichte im TV: Eine Würdigung seines Lebens. Er hieß eigentlich gar nicht hauptsächlich Otto, sondern z. B. Franz Josef, Pius und noch ca. elf andere Vornamen. Schockierende Hintergründe zur heute anstehenden Zeremonie: Wenn sie ihm jetzt dann später das Herz rausreißen, ich weiß nicht, ob ich mir das anschauen soll.
13:32 Mit Hitler, erfahre ich im TV, ist er nicht wirklich warm geworden.
13:38 Der Renner war schuld an der nach dem zweiten Weltkrieg fortdauernden Verbannung der Habsburger aus Österreich, aber in Madeira scheint oft die Sonne und war es auch ganz schön.
13:44 Arme Schlucker waren's, fast kein Grundeigentum hatten's mehr, die Villa Austria am Starnberger See war eine Bruchbude und sie waren praktisch von den Almosen der anderen Adelshäuser abhängig. …
13:47 Er war auch historisch sehr versiert und er war's - was ich noch nicht wusste - der den Ausspruch geprägt hat von Österreich als Hitlers erstem Opfer.
14:03 Selbst die ehedem so halsstarrigen Tschechen, sagt in einem Vorbericht Rittmeister Herzog Fürst Graf Stallbursch von und zu Schwarzenberg, seines Zeichens immerhin aktueller tschechischer Außenminister, sehen die Unterdrückung durch die Habsburger und die Liquidationen im 1. Weltkrieg etwa nicht mehr so eng, und sie hatten Otto von Habsburg zuletzt wieder ganz unverkrampft als „Kaiserliche Hoheit“ angesprochen. Und sein persönlicher Anteil am Niedergang des Kommunismus, sagt der Tschech, kann gar nicht hoch genug bewertet werden.
14:36 Die Ehrengäste treffen ein. Ex-Kanzler Schüssel beim kurzen Gebet hatte ich erkannt. Unser Bürgermeister Häupl schaute bedrückt drein. Den Adelsexperten des ORF kann ich nur Bewunderung zollen - wie sie die alle auseinander halten können! Für mich schauen diese Adeligen alle gleich aus. Die Fürstenhäuser sind heute vollzählig versammelt. Das lässt sich von diesen unverbesserlichen Adabeis heut halt keiner entgehen.
14:50 Wenn der Bundespräsident den Angehörigen kondoliert, dann ist es fast wie am österreichischen Nationalfeiertag, nur umgekehrt, indem er sich heute auch mal selber anstellen muss, bis er dann dran kommt, die Hände zu schütteln.
14:56 Die Pummerin läutet. Danach kommt sicher dann der Donauwalzer.
14:58 Das Requiem beginnt. Schöne Musik. Mir ist heiß. Danach beginnt eine abergläubische Zeremonie. Ich habe jetzt aber für heute genug gesehen und werde jetzt lieber baden gehen.
14. Juli 2011
Töchter Beistrich Söhne
Wenn die Stiernackenfraktion im Parlament versucht, durch Dauerreden eine Änderung der rein männlich formulierten österreichischen Bundeshymne und konkret der Zeile „Heimat bist du großer Söhne“ zu verhindern …
Wenn die Billig- und die Sehrsehrbilligpresse und ihre Klientel, die aber doch, was immer wieder überrascht, über genug Bildung verfügt, um Leserbriefe zu verfassen, prompt und wie in solchen Fällen üblich assistierend beispringt und sämtliche einschlägigen Ressentiments aufs Beste bedient …
Wenn dieses beides dem Anliegen aber erst genügend Aufmerksamkeit verschafft und erst dadurch eine Anzahl von vorher noch unentschlossenen Parlamentarierinnen, (aber mit großem Binnen-I, also in gegenderter Sprache, es sind hier also die männlichen Parlamentarier, soweit es sie betrifft, mitgemeint) - wenn dies also ein paar vorher noch unentschlossene Parlamentarierinnen einer Änderung des Textes erst zugeneigt gemacht und dadurch die nötige Mehrheit für eine Änderung verschafft hat …
Und wenn dann eine Änderung herauskommt in „Heimat großer Töchter, Söhne“, bei der anscheinend niemand mitbedacht hat, dass das Ding ja hauptsächlich zum Mitsingen da ist und von daher nun in Zukunft bei allen etwas heftiger aufwallenden österreichischen Anwandlungen, da man den Beistrich ja normalerweise nicht mitsingt, „Große Töchtersöhne“ zu Gehör gebracht werden …
Dann, ja dann befindet man sich offenbar - nehmt alles nur in allem - in einer sogenannten „Kulturnation“. In welcher nun der Katzenjammer groß ist über die übereilt angerichteten Töchtersöhne, und natürlich auf beiden Seiten.
Wie gut, dass ich als Außenstehender und grundsätzlicher Antipatriot, der das Ganze also völlig neutral betrachten kann; als einer auch, der gewiss geltend machen kann, die österreichische Seele nun schon ein wenig zu kennen - wie gut, dass ich nun hier beiden Seiten helfen kann:
Liebe Österreicherinnen (mit großem Binnen-I natürlich, alle männlichen Österreicher sind also logischerweise mitgemeint)! Man kann dies alles doch auch ansehen als einen äußerst geglückten historischen Kompromiss. Der doch auch wirklich beiden Seiten auf's Beste gerecht wird! Man könnte auch sagen, als die übliche, typisch österreichische „Schlamperei“, die ja oft genau diesen Zweck hat: Auf dass das Ergebnis keiner Seite merklich weh tun möge.
Denn für die Einen dürften diese Töchtersöhne eh leicht zu verkraften sein. Denn alle die bisher exklusiv in der Hymne vorkommenden Söhne sind schließlich die Söhne von Frauen, und alle Frauen sind ja auch Töchter, und somit hätte sich, wenn man nun von der Heimat großer Töchtersöhne singt und nicht auch von Töchtertöchtern, rein überhaupt nichts geändert.
Und die andere Fraktion, die zum Teil nun auch vorschützt, anders wäre es halt innerhalb dieser Zeile und von der Metrik her nicht gegangen, den Töchtern ebenfalls in Zukunft ausdrücklich Erwähnung zu tun, die müsste nun ja bloß an dieser Stelle ein bisschen an Tempo zulegen beim patriotischen Mitgesinge, und das Satzzeichen ebenfalls explizit mitsingen, dann geht sich das von der Metrik her ganz ebensogut auch geschlechtsneutral aus: Sich zu Österreich zu bekennen als einer „Hei-Mat gro-ßer Töchter-Beistrich-Söhne“.
Und ein Halb-Aphorismus zum Tage
(Denn heute ist bekanntlich
der französische Nationalfeiertag)
Enfants de la patrie,
Uns eint halt die Marie.
05. Juli 2011
Betrifft: Otto
Otto Habsburg war immer schon verschieden, und ist jetzt verschieden.
So ist es den österreichischen Grünen erspart geblieben, ihm als angemessene Entschädigung für den entgangenen Thron noch zur Präsidentenwahl zu verhelfen.
Das physikalische Gesetz vom steten Anwachsen der Entropie, es lebe hoch, hoch, hoch!
25. Juni 2011
Ökonomie in FETTBUCHSTABEN
„Unser GELD für unsere Leute“, lässt der Blaufrosch nun gerade breit in Wien plakatieren. Die KRONENZEITUNG sowie die sonstigen Gratisblätter für den bescheidenen Geist assistieren ihm jeden Tag mit einer passenden Schlagzeile, und prompt kann er sich wiedermal in guten UMFRAGEwerten sonnen.
Ökonomie für DUMMIES, so sieht sie also aus: Ein Staat geht bankrott, wegen eigener Faulheit oder unverantwortlichem SCHULDENgemache, kann also seine SCHULDEN nicht zurückzahlen. Ein paar Gläubiger des Pleitestaats (BANKEN) gehen wegen des Ausfalls dann ebenfalls noch pleite? Uns doch BLUNZN!
Was aber, wenn dies eine KETTENREAKTION wie in den 1920-ern nach sich zieht, könnte man fragen. Was, wenn auch die BANK des Kronelesers in Mitleidenschaft gezogen wird und ihm KEIN GELD MEHR auszahlen kann? Dann wird er zwar DEPPERT aus der Wäsche schauen, aber trotzdem noch sich bestätigt fühlen. Denn er hätte es ja, wird er dann sagen, immer schon gesagt: Mit dem SCHILLING, wird er dann sagen, wär' das nicht passiert! Und das wird er dann auch tatsächlich GLAUBEN und sich sogar ziemlich gut dabei fühlen, der naive Blaufroschwähler, wenn er dann deppert vor dem bankrotten BANKOMATEN steht, denn dass neben der seinen ein paar andere BANKEN und STAATEN und dazu noch der EURO und die ganze EU pleite gegangen sind, ist ihm gar nicht mal unrecht. Denn nicht zuletzt ist er vor allem auch APOKALYPTIKER.
Die TRAGIK an dem Ganzen (und der Grund auch, warum der Blaufrosch soviel Zuspruch bekommt) ist aber, dass auch die weniger apokalyptisch Gestimmten, die weniger einfach Gestrickten und mit einiger VERNUNFT Begabten sich offensichtlich schwer damit tun, einen RAT zu erteilen, was nun zu tun sei in der beinahe permanent gewordenen KRISE. Ja, offenbar ist das tatsächlich ziemlich KOMPLIZIERT!
Manchmal aber geben manche doch NÜCHTERN zu Protokoll: Dass der Grund für die Überschuldung mancher Staaten in der EU das UNGLEICHGEWICHT DER PRODUKTIVITÄT ist, welches, so es denn noch verschiedene Währungen gäbe, die ABWERTUNG der Währung in den schwächer industrialisierten Zonen erzwingen würde. Was zum Beispiel zur Folge hätte, dass dann die deutsche Mark zum Beispiel in Griechenland BILLIGER URLAUB machen könnte. (Und wohl auch der österreichische SCHILLING, so er denn noch aus dem Automaten kommen tät'.) Was aber nun, da es diesen MARKTMECHANISMUS und die unterschiedlichen WÄHRUNGEN innerhalb der EU nicht mehr gibt? Die LOHNSTÜCKKOSTEN müssten dann eben steigen in den produktiveren Ländern, sagen da diese noch relativ VERNUNFTbegabten Ökonomen, sprich: Die Arbeiterschaft in den reicheren Ländern müsste sich einen größeren ANTEIL AM KUCHEN erkämpfen. Vor allem in Deutschland seien die LÖHNE skandalös zu niedrig im Verhältnis zur industriellen PRODUKTIVITÄT. Bei angemessen steigenden Löhnen hätten die Deutschen dann ebenso - siehe da! - plötzlich mehr GELD FÜR DEN GRIECHENLANDURLAUB in der Tasche. Und die Produkte der weniger industrialisierten Regionen würden relativ billiger und wieder mehr KONKURRENZfähig. Ein LOHNWACHSTUM von 5 Prozent in den hochindustrialisierten Regionen in den nächsten Jahren gäbe auch den relativ ärmeren noch einen SPIELRAUM für ein Wachstum von 2 oder 3 Prozent, sagen jene noch relativ vernunftbegabten Leute, die sich GEDANKEN machen, wie DAS GANZE vielleicht auch noch weiterlaufen könnte ohne APOKALYPTIK mit überall bankrott gegangenen VERELENDUNGSZONEN um ein paar wenige verbliebene WohlstandsKERNe herum.
15. Juni 2011
Karl der Große - ein Computerspiel
Ich habe nun auch gelesen: Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums, Bd. 4 - Frühmittelalter“. Die Regierungszeit von Karl dem Großen kann ich mir gut als Computerspiel vorstellen.
Burgunderkrieg, Schwabenmassaker, Chlodwig, die Pippins, Karl Martell, die Vernichtung des Thüringer Königshauses, das ist alles schon Geschichte. Das Frankenreich ist geeint. Du bist nun Kaiser Karl und hast ca. 40 Jahre (Regierungs-)Zeit. Du verfügst über ein mächtiges Heer, aber du hast dein ganzes Geld für Weihnachtsgeschenke ausgegeben und kannst deinen Soldaten keinen Sold zahlen. Deshalb führe stets Krieg und lasse sie plündern und rauben. Im Osten deines Reiches und im Norden und Nordwesten bis hin zum Ärmelkanal hausen die Sachsen. Sie sind Heiden. Bei ihnen gibt es noch das Gemeineigentum des Bodens. Überfalle sie möglichst jedes Jahr im Frühjahr und Sommer und bekehre sie zum Christentum. Reiß ihre heidnischen Heiligtümer nieder. Töte möglichst viele von ihnen oder zwinge sie, sich taufen zu lassen. Spiele ihre Fürsten gegeneinander aus. Versprich einigen freies Geleit und meuchle sie dann trotzdem nieder. Raube ihre Schätze. Von den anderen, die bereit sind, katholisch zu werden, (die Fürsten sind stets eher dazu bereit als das einfache Volk,) verlange Tribut. Wenn die kalte Jahreszeit naht, benutze einen Teil deines Raubertrags, um wehrhafte Klöster anzulegen. Die Mönche (und ein paar Soldaten) dort sollen, wenn du nicht mehr da sein wirst, über die Sitten und Gebräuche der Unterworfenen wachen. Erlasse, bevor du abziehst, Gesetze. Bedrohe alle heidnischen Handlungen mit dem Tod. Schaffe vor allem auch das Gemeineigentum am Boden ab. Verordne der Landbevölkerung die Zahlung eines Zehnten an die Klöster und führe so die Frühform der Leibeigenschaft ein. Begib dich dann im Winter nach Hause und feiere ein schönes Weihnachten mit einer deiner minderjährigen Liebsten.
In Rom sitzt der Papst. Gib auch ihm immer reichlich vom Gestohlenen ab, denn dann schickt er dir die mönchischen Polizisten für die Wehrklöster und segnet im Frühjahr deine Truppen.
Wenn Weihnachten gefeiert ist, mach die Kriegspläne fürs nächste Jahr. Wenn es Nachrichten von Sachsenaufständen in bereits eroberten Gebieten gibt, mach eine Strafexpedition. Lass deine Soldateska ganze Landstriche verheeren. Tränke den Boden mit Sachsenblut! Denk auch daran, die Gebeine der beim Heidenaufstand getöteten Mönche zu erobern, zerlege sie in viele Teile und verkaufe sie als Gebeine von christlichen Märtyrern. Mit diesem Reliquienhandel lässt sich ein schönes Geld verdienen!
Oder wenn es bei den Sachsen ruhig war, dann ziehe gegen noch weiter entfernte Sachsen, oder mach vielleicht einen Ausflug zu den Friesen im Norden. Die sind ebenfalls noch keine Christen. Oder zu den Westgoten, hinter die Pyrenäen. Die sind zwar bereits katholisch, aber wegen ihrer Auseinandersetzung mit den Arabern auf der iberischen Halbinsel geschwächt und leichte Beute. Aber pass beim Rückzug auf! In den steilen Pyrenäentälern lauern die wilden Basken darauf, deinen Truppen auf die Mütze zu geben.
Bonuspunkte gibt es, wenn es dir gelingt, durchs mit Rom verbündete Bayern und gegen die Awaren dahinter zu ziehen und ihnen den legendären Awarenschatz zu rauben. Wenn es dazu noch gelingt, die Awaren komplett aus der Geschichte zu tilgen, öffnet sich in den weiteren Runden auch die Option, die slawischen Völker am Balkan anzugreifen und sie mit der christlichen Heilslehre zu beglücken.
Versuche so nun Jahr für Jahr, „das Frankenreich abzurunden“, wie das ein deutscher Historiker in den 1940-er Jahren sehr schön genannt hat. Komm dem Papst zu Hilfe, wenn er in Italien Probleme mit aufsässigen Leibeigenen hat. Gib ihm vor allem immer genug von der Kriegsbeute ab! Feiere in jedem Jahr Weihnachten! Vergiss auch nicht, zwischen den Gemetzeln möglichst oft zu beten! Wenn es dir gelingt, die Kultur der Sachsen mit ihrem heidnischen Glauben und barbarischen Gemeineigentum aus der Welt zu schaffen und in den ehemals sächsischen Gebieten auch dauerhaft wehrhafte Klöster und die Leibeigenschaft zu etablieren, wirst du am Ende heilig gesprochen und von den Historikern „groß“ genannt werden, und dann hast du das Spiel gewonnen.
13. Juni 2011
Die Tautologikerin
Illegalität ist ein guter Nährboden für Kriminalität, hat die neue Innenministerin Mikl-Leitner in einem Interview im Standard festgestellt.
Ihre Zielgruppe weiß dann gleich, was damit gemeint ist. Sie wollte halt zwei Reizwörter in einem einzigen Satz unterbringen. Leute wie ich dagegen, die richtig Deutsch zu sprechen gelernt haben, werden dann sofort bemerken, dass das ein tautologischer Unsinn ist, ganz so, als hätte sie es umgekehrt gesagt: Kriminalität ist ja ganz ebensogut immer schon ein guter Nährboden für Illegalität gewesen.
Das Tautologische liegt ihr als Vertreterin eines Volkes, das ja auch gerne von sich sagt: „Mir san mir“, offenbar im Blut. Als der Standard sie fragt: Was macht man mit Ausländern, die keinen legalen Aufenthaltstitel haben?, da leitet sie ihre Antwort ein: Prüfen, ob sie legal oder illegal da sind …
Sie will sich wahrscheinlich vom Standard um keinen Preis nicht eine mangelnde Sorgfalt vorwerfen lassen. Jedenfalls lässt sie also ihre Untergebenen, wenn ihnen Ausländer in die Hände fallen, die keinen legalen Aufenthaltstitel haben, erstmal prüfen, ob sie legal oder illegal da sind und danach erst, was ja andererseits auch wieder ganz zivilisiert und löblich ist, danach erst die Konsequenzen ziehen.
Wie sehen diese Konsequenzen aus? Asylwerber, deren Leben bedroht ist, erhalten natürlich Schutz und Unterstützung. No na! Aber diese „Asylwerber“ haben ja auch, wie der Name sagt, um Asyl geworben und von daher - zumindest vorübergehend - einen legalen Aufenthaltstitel. Das war nicht die Frage. Und die anderen? fragt der Standard also noch einmal nach.
Es gibt auch Wirtschaftsflüchtlinge, die müssen außer Landes gebracht werden, lautet die Antwort.
Und auch hier wird Mikl-Leitners Zielgruppe wahrscheinlich wieder heftig nickend applaudieren. Dass es da „Wirtschaftsflüchtlinge“ gibt, die dem Wortsinn nach also entweder vor einer desolaten Wirtschaft oder auch von wegen der ganzen Weltwirtschaft und jedenfalls aber in eine bessere Wirtschaft geflohen sind. Wirtschaftsflüchtlinge - wieder so ein Reizwort! - erhalten von Mikl-Leitner und ihrer Klientel natürlich, auch wenn ihr Leben ganz ebenso bedroht sein mag wie das der Asylwerber, nicht Schutz und Unterstützung. Um das noch mal ganz klar zu stellen.
Sie spricht dann noch von Wien, wo der Kristallisationspunkt der Kriminalität stattfindet, und würde sich überhaupt bei den Deutschtests, wie sie für Einwanderer nach Österreich obligatorisch sind, schwer tun. Aber als Innenministerin muss man sich solchen Tests ja nicht aussetzen.
Als Innenministerin trägt man Verantwortung für die Sicherheit der Republik. Das erfordert rasche und klare Entscheidungen und bedarf hoher Managementqualitäten.
Die sie gewiss treffen kann und hat. Und um was geht es aber bei dem Job absolut nicht? Vielleicht sagen Sie es uns, Frau Mikl-Leitner, noch mal schön tautologisch?
Es geht weder um Applaus noch um Beifall.
In Österreich, wie es heute ist, wird sie trotzdem vom Einen wie vom Andern reichlich bekommen.
02. Juni 2011
Liebe Leute!
Seids nehd so hysterisch und essts gefälligst wieder Gurken!
23. Mai 2011
Tipp3-Bundesliga
Werden die Rapidspieler am letzten Spieltag ihren depperten Fans auch mal auf die Goschn hauen, oder doch wieder bloß umgekehrt?
Wird sich noch ein Zusammenhang erweisen zwischen dem seltsamen Handspiel im Strafraum gestern mit wahrscheinlich meisterschaftsentscheidendem Strafstoß für Graz kurz vor Spielschluss und den 6-stelligen Wettsummen, die zur selben Zeit in Asien auf einen Grazer Sieg gesetzt wurden?
Es ist seit langem das spannendste Finish einer österreichischen Meisterschaft, in der Tat.
02. Mai 2011
Gedicht zum Tage
Ob, nun selig gesprochen, John Paul der II.,
Das letztendlich nicht doch schwer bereute:
Dass er zwar eine Nonne per Wunder heilte,
Aber zur selben Zeit in Saudi-Arabien ein Mann auch verweilte,
Der ebenfalls litt,
Und dabei bitter und bitterer wurde.
Sein Name war Osama Bin Laden.
Er hatte Krampfadern in beiden Waden.
30. April 2011
Verdammt!
Jetzt habe ich die Traumhochzeit von Prinz Charles und Lady Di gestern komplett verpasst!
02. April 2011
Der 3. Band
Ich habe jetzt auch fertig gelesen: Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums - Bd. 3: Die Alte Kirche“.
In vier Abschnitten behandelt Deschner hier „Fälschung, Verdummung, Ausbeutung, Vernichtung“ in der Zeit etwa von 400 bis 1000 n. Chr. Das lässt schon erahnen, dass die Trennschärfe des Kriminalitätsbegriffs, der ja immerhin im Titel steht, nun doch gewaltig nachlässt. In meiner Besprechung des 1. Bands hatte ich Deschner noch dafür gelobt, dass er nur Kriminelles anprangern würde, was auch nach den eigenen Maßstäben der Gläubigen als kriminell angesehen werden muss und nach den Maßstäben der jeweiligen Zeit. „Verdummung“ zu praktizieren und zu verbreiten war aber natürlich nie in der Geschichte in diesem Sinn „kriminell“. Auch „Ausbeutung“ ist vielleicht moralisch verwerflich und in ihren schlimmsten Formen wahrscheinlich auch durch den Text der Bibel nicht gedeckt. Aber „kriminell“, nicht im dehnbaren moralischen Sinn, sondern ganz handfest und faktisch kriminell, nämlich definiert als: gegen Gesetze verstoßend - „kriminell“ also in einem wohldefinierten Sinn waren doch eher immer die, die genau das Gegenteil taten, indem sie sich mit ihren Worten und Taten gegen die zeittypischen Formen der Verdummung oder Ausbeutung stemmten. Die Problematik des juristischen Kriminalitätsbegriffs, und vor allem auch des nicht streng juristisch verstandenen, kommt nun also in diesem 3. Band doch voll zur Wirkung.
Dabei zeigt noch der 1. Abschnitt über „Fälschung“, dass es auch anders geht: Da diskutiert Deschner noch ganz genau die Ansichten und Äußerungen einiger heutiger Apologeten, dass Fälschungen damals sozusagen „normale und gebräuchliche Kulturtechniken“ gewesen wären. Da belegt er noch ganz genau, dass Fälschungen im Gegenteil schon seit Jahrtausenden als verwerflich angesehen, eben darum stets sorgfältigst verborgen, und wenn entdeckt, dann schärfstens verurteilt wurden. Nicht zuletzt haben auch einige später überführte Fälscher selbst oft Fälschungen, nämlich die der Gegenseite, vehement gebrandmarkt. Dass all diese von Deschner dokumentierten Fälschungen im Alten Testament und im Neuen Testament und in all den „apokryphen Schriften“ und Apostelakten und Märtyrerakten und Bischofslisten sehr wohl auch nach den Maßstäben der jeweiligen Zeit eindeutig als „kriminell“ zu bezeichnen sind, wird von Deschner noch gut belegt.
Im Unterabschnitt der Fälschungen über „Wunder- und Reliquienbetrug“ ist das dann schon nicht mehr so eindeutig, ob das im engeren Sinn immer auch „kriminell“ war. Deschners Exkurs zur Entwicklung des Reliquienhandels zeigt das ja sehr schön auf: Wie da die alte griechische Praktik des Heroenkultes vom Christentum übernommen und für seine Zwecke adaptiert und durch den Besitz wichtiger Leichenstücke der jeweilige Bischofssitz geschichts- und ideologieträchtig aufgewertet wurde. Wie dadurch die Nachfrage nach solchen Stücken stetig stieg und bald nicht mehr befriedigt werden konnte. Wie dann zuerst auch Barthaare und Ähnliches Reliquienstatus zugesprochen bekam, und dann auch die sogenannten „Berührungsreliquien“, Gegenstände also, die von einem tatsächlichen oder erfundenen Heiligen oder Märtyrer angeblich einmal berührt worden waren. Wie schließlich auch die „Berührungsreliquien“ sozusagen zweiter Ordnung in den Handel kamen, Gegenstände, die ihre heilende oder geistervertreibende Wirkung allein dadurch entfalteten, dass sie bloß mit einem anderen Gegenstand einmal in Kontakt waren, welcher zuvor von einem der tatsächlichen oder erfundenen Heiligen oder Märtyrer einmal berührt worden war. Dieser immer gewinnträchtiger gewordene Geschäftszweig hat bekanntlich auch dazu geführt, dass die Marotte einiger ziemlich seltsamer Menschen, die bei kleinen Knaben abgeschnittenen Vorhäute nicht wie üblich zu entsorgen, sondern sie vorsorglich aufzuheben - denn man weiß ja nie! - manchmal noch reichen Gewinn abwarf. Und auch der kleine Jesus war ja offenbar von solchen Perverslingen umgeben und hatte, was anatomisch selten und beim Verkauf an mehrere Bischofssitze praktisch ist, gleich drei davon! Berühmt ist auch ein Märtyrer mit Fingern, verteilt auf fast 200 Kirchen.
In einem weiteren Exkurs behandelt Deschner ebenso ausführlich und gut belegt die Entwicklung des ähnlich geschäftsträchtigen „Wallfahrtsschwindels“. Aber zurück zur Frage: Ist das immer auch kriminell? Wo da wissentlich gefälscht wurde, war es juristisch Betrug, und somit kriminell. Deschner macht den kirchlichen Aktivisten im Reliquien- und Wallfahrtsschwindel aber auch den Vorwurf, sie würden offenbar selbst nicht an die Wirkung von Reliquien, auch der „echten“, und von Wallfahrten glauben, und die Gläubigen also wissentlich täuschen. Wieder anderen wirft er auch vor, dass sie an diesen irrationalen Humbug glauben. Beides ist ganz offenbar nicht „kriminell“ und justitiabel. Beides dürfte ihnen auch nur schwerlich zu beweisen sein.
Danach kommt dann, wie gesagt, der Abschnitt über „Verdummung“. Nicht wie das Christentum für Jahrhunderte die antike Bildung ruiniert und so den Weg ins finstere Mittelalter geebnet hat, war, wie gesagt, im Wortsinn kriminell, sondern kriminell im Wortsinn waren doch im Gegenteil immer die, die versucht haben, sich diesem Trend zu widersetzen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Abschnitt über „Ausbeutung“. Seit je gibt es in den christlichen Kirchen zwei widerstreitende Ansichten über arm und reich. In der offiziellen Kirche setzte sich die besitzfreundliche Richtung schon sehr bald durch. Nicht zuletzt hat sie sich inmitten allgemeinen schreienden Elends immer recht schamlos bereichert. Sie profitierte von der Sklaverei und mit dem Kolonatsystem, welches die Menschen an ihre Scholle fesselte, hat die Kirche maßgeblichen Anteil an der Modernisierung der Sklaverei und an deren Erhalt und Festigung. Aber auch hier die Problematik des Begriffs: Denn „kriminell“ waren immer nur die, die sich dagegen wehrten!
Im letzten Abschnitt über „Vernichtung“ schildert Deschner die Auslöschung des heidnischen griechisch-römischen Erbes. Tempelschändungen, Tempelumwidmungen, Bücherverbrennungen, Kunstvernichtung. Im Zuge dessen viel Mord und Totschlag, viel Kriminelles auch. Aber auch hier: „Gesetzliche Schikanen“ der ersten christlichen Herrscher gegen die Heiden zum Beispiel sind eben gesetzliche und also per se nicht „kriminell“.
In einem kurzen Nachwort schildert Deschner, dass er oft christlich inspirierte Antworten erhalten habe in der Art: Er könne christliche Verbrechen schildern, so viele er wolle, den Glauben erschüttere er dadurch trotzdem nicht. Deschner antwortet darauf, dass er manchmal ja nicht nur die ethische, sondern auch die dogmatische Seite darstellen würde, und das sollte doch gerade die gläubigen Menschen auch angehen. Diesen aber gehe es nicht um Wahrheit. Ihnen gehe es nur um ihr Problem: Sie glaubten, ohne Glauben nicht leben zu können. Dabei würden sie, in Indien geboren, etwas anderes glauben, und in Afrika wieder etwas anderes. Aber aus vielen anderen Zuschriften, die er erhalten habe, wisse er: Es gehe sogar sehr gut auch ohne Glauben, ja, sogar besser noch. Im Grunde fange nach dem Glauben das Leben erst an. Gut gegeben!
Aber der Titel des Buches ist halt leider nicht ganz gut gewählt. Nichts gegen ethisch-moralische Diskussionen, nichts gegen das Infragestellen von Dogmen. Aber eine Kriminalgeschichte ist das, was in diesem Band abgehandelt wird, ganz überwiegend nicht.
25. März 2011
Hysterie auch in Österreich!

Mir scheint, ich kann jetzt die Folgen von Fujikato schon am eigenen Leib spüren.
Vielleicht sind es aber auch keine Strahlenschäden, sondern mein Körper legt sich nur gerade eine Panzerung zu.
(Und für Deutschland wie fast alle anderen unserer Nachbarländer gilt weiterhin, was im Eintrag vom 6. Juni 2008 geschrieben steht:)
Störfall
Wenn da Kühlwasser austritt,
Und die Kernschmelze droht,
Ist ein zügiges Teamwork
Dann das erste Gebot: –
Der Erste holt den Notfallplan.
Der Zweite fährt die Kiste runter.
Der Dritte ruft die Nachbarn an,
Und macht sie falls es Nacht ist munter.
Der Erste hat’s ganz wohl getan.
Dem Zweiten war das Glück auch hold.
Der Dritte rief die Nachbarn an,
ganz wie er es auch machen sollt’.
Doch hat dabei er einen Fehler gebaut.
Und damit nun sich sicher die Laufbahn versaut.
Denn obwohl der Kern gar noch nicht heiß genug war,
Nahm der Mann gleich das Kernschmelzalarmformular.
Und so hat er doch einige Panik verbreitet,
die Eil’ hat ihn wohl zu dem Fehler verleitet.
Doch wenn’s auch erschreckte,
So war’s doch auch gut,
Indem man entdeckte,
Was künftig Not tut: –
Wenn der Kern gar nicht schmilzt,
wie’s auch diesmal war,
Nimmt man nie dieses
Kernschmelzalarmformular!
17. Februar 2011
Die Leichenfledderer
Gestern diskutierte der Club 2 zum Tod von Peter Alexander: Wie ist sein künstlerisches Lebenswerk einzuschätzen?
Stimmen aus dem Kulturbetrieb: Er war einer der ganz Großen. Ein Allround-Talent. Vorbild für den aufstrebenden Nachwuchs. Perfekt gemanagt. Über Jahrzehnte waren seine Shows Straßenfeger. Er war der richtige Mann zur richtigen Zeit (über Jahrzehnte) am richtigen Ort (in Deutschland und Österreich).
Peter Weibel erhebt Einspruch: Er konnte nicht tanzen. Er konnte auch nicht wirklich gut singen.
Das war es ja gerade, antwortet der Kulturbetrieb. Dieser sympathische Mann mit den kleinen Fehlern traut sich da einfach auf die Bühne und macht … Und Dagmar Koller stellt klar, dass wenn Peter Alexander nur ein mittelmäßiger Sänger gewesen sei, sie es jedenfalls immer noch weit schlechter vermochte.
Peter Weibel verweist auf die Kontinuitäten in der Filmindustrie von den angeblich unpolitischen Unterhaltungsfilmen der Nazi-Zeit zum Heimatfilm und zur seichten Unterhaltung im deutsch-österreichischen Film bis weit in die Siebziger hinein.
Der Kulturbetrieb stellt richtig, dass die Macher der wirklich knallharten Nazi-Propaganda-Filme nach '45 keine Filme mehr hätten produzieren dürfen. Und dass die reine Unterhaltung auch ihre Berechtigung hätte und sehr wohl eine vollwertige, wenn auch immer wieder verunglimpfte Kunstform wäre. Dass es die reine Unterhaltung ja auch anderswo geben würde: Siehe zum Beispiel James Browns „I feel good“. Wenn Peter Alexander etwas mit der Nazi-Zeit zu tun hätte, dann doch dies: Dass der Welt hier nun ein Österreicher präsentiert wurde, der wirklich keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte und nicht auch nur die Spur von etwas Bösem noch in sich trug.
Die wirklich Großen, stellt Peter Weibel klar, hätten alle auch etwas Abgründiges gehabt, Alkohol, Kontakte zur Mafia. Peter Alexander hätte niemals wie Sinatra in einem Film einen Alkoholiker spielen können. Damit wäre er weg vom Fenster gewesen.
Der Mörbisch-Intendant nimmt Peter Alexander in Schutz: Er sei ja nur das Material gewesen, sei eben auf diese Art und Weise gemanagt worden, hätte die gute Welt repräsentiert und den Liebling gegeben. Wenn er auf sein Managemant nicht gehört hätte und ein stärkerer Charakter, ein Mann mit Eigenschaften gewesen wäre, dann wäre aus ihm nicht das geworden, was aus ihm geworden ist. Er hätte aber doch auch Unglaubliches bewirkt. Moderator Köhlmeier fragt sofort - denn es ist ja eine kritische Diskussion - kritisch nach: Was hat er bewirkt? Eine unglaubliche Seligkeit, kommt die Antwort. Er hätte die Leute nach dem Krieg wieder gezwungen zu einem Schmunzeln auf den Gesichtern, zu diesem gewissen chinesischen Lächeln, über alle Generationengrenzen hinweg.
Der Kulturbetrieb dröselt es auf: Unterhaltung hätte nicht unbedingt immer die Funktion, politisch aufzuklären. Es gebe da die Vergolder, dann gebe es die Weltverbesserer, (die wir manchmal auch gelten lassen müssen,) und dann gebe es eben auch die, die sich darin gefallen, immer alles nur mies zu finden.
Aber dieser Charme war einzigartig, stellt Frau Koller klar. Diese Leichtigkeit, diese Eleganz, auch der Schmäh. Wegen ihm hätte sie sich als Künstlerin dann, obwohl aus Kärnten kommend, als Wienerin ausgegeben.
Die Kritik verstummt aber nicht. Diese größten deutschen Unterhaltungskünstler seien ja alle Pseudo-Holländer, Pseudo-Italiener, Pseudo-Griechen, Pseudo-Mexikaner gewesen. Und was wohl von einem Wiener zu halten sei, der von einer Kneipe gesungen hätte am Ende der Straße?
Das wäre doch völlig klar, kommt die Antwort, dass der weit größere bundesdeutsche Markt gar nicht verstanden hätte, was ein Beisl ist. Da hätte sich Peter Alexander eben wieder einer Einflüsterung von Seiten des Managements gebeugt.
Und so wurde dann noch weiter diskutiert und immer weiter. Die einen ließen ihn hoch leben, der andere zerlegte ihn kritisch, und die Frage war bloß, welche Seite ihn und sein Lebenswerk gründlicher entlarvt und in den Schmutz gezogen hat. Peter Alexander hat sich wohl nicht ohne Grund, drängte sich der Eindruck auf, in den letzten Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.
Aber unweigerlich steht nun, nach seinem Tod, ein Hype an. Denn er war der Vorläufer der Dancing-Stars. Er war die Avantgarde unzähliger heutiger YouTube-Künstler. Er war, so wird die Kulturgeschichte schon in Kürze über ihn urteilen, ein Unterhalter, Allroundkünstler und Perfektionist alter Schule und produzierte zwar nur Trash, aber auf höchstem Niveau.
13. Februar 2011
Politische Lyrik
Die ersten zwei Verse ergeben sich wie von selbst, allein schon deshalb, weil sich schlicht und einfach nichts anderes reimt auf Ägypten:
Was jüngst nun geschah in Ägypten,
War, dass wir vorerst einmal übten.
Aber wie kann bzw. muss das Gedicht nun weitergehen? Das ist wirklich schwierig, denn erstens soll die dritte Zeile nun enden auf Österreich und sich zweitens der vierte und letzte Vers wieder darauf reimen, drittens muss es natürlich auch metrisch stimmen und soll es sich nicht anhören wie eines jener unsäglichen, bei einem runden Geburtstag vorgetragenen holprigen Laiengedichte, und viertens sollte aber auch, last not least, nicht bloß ein vollkommener Blödsinn dabei herauskommen. Eine schwierige und reizvolle Aufgabe …
Vielleicht so?
Was jüngst nun geschah in Ägypten,
War, dass wir vorerst einmal übten.
Denn wir haben auch in Österreich
Einen Kronenverlags-Zeitungsscheich.
Nun ja. Das ist vielleicht noch nicht ganz das Gelbe vom Ei. Für bessere Lösungen des lyrischen Problems bin ich jederzeit offen. Natürlich auch aus anderen Ländern. Für Deutschland könnte eine mögliche Lösung … nein, kann das Gedicht eigentlich nur so lauten:
Was jüngst nun geschah in Ägypten,
War, dass wir vorerst einmal übten.
Was folgen muss nun in Deutschland
Ist ein Kampf gegen's Bierdosenpfand.
Aber vielleicht finden Sie noch bessere Lösungen des lyrischen Problems? Bitte schreiben Sie mir an info@victorhalb.at
11. Februar 2011
Heute im Fernsehen -
Karmisch und Gairo
Bei der Ski-WM in Karmisch ist der Titelverteidiger Mubarak zurückgetreten und haben die Militärs die Macht übernommen und wollen für demokratische Wahlen sorgen. Und in ganz Gairo wurde gejubelt und die Nacht durchgetanzt ob der nun schon drei österreichischen Medaillen nach den ersten drei Entscheidungen.
02. Februar 2011
Museum zu erwerben
Heute habe ich Skizzen und einem Museum das Angebot gemacht, mit Halbs Mini-Museum in jenes überzusiedeln. Das Angebot gilt selbstverständlich auch für andere Interessierte. Von der Museumstischlerei bräuchte ich dazu eigentlich fast bloß einen ca. 5 x 4 x 3 Meter großen Kubus …
Die Eingangsseite:

[ Juni 2011 ]
Nachtrag, bzw. Aktualisierung
Die anderen Skizzen aus dem Februar habe ich von der Seite genommen, denn die Bilder von Halbs Mini-Museum in neuem räumlichen Umfeld habe ich mittlerweile detailliert ausgeführt. So sieht das jetzt aus:

Hier können Sie sich alle neun Ansichten von Halbs Mini-Museum in einem Museum als pdf-Datei herunterladen. (6 MB)
01. Februar 2011
Der zweite Band
Auch den 2. Band von Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums - Die Spätantike“ (Rowohlt, 1986) habe ich jetzt gelesen.
Zu Beginn des 5. Jahrhunderts gab es wichtigere und unwichtigere Bischofssitze. Es hing von der Bedeutung der jeweiligen Stadt ab. Manche Bischofssitze brachten größere Pfründe und Einflussmöglichkeiten mit sich, manche kleinere. Die wichtigsten Bischofssitze zu dieser Zeit waren Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem im Osten und die alte Kaiserstadt Rom im Westen. Von einem Primat Roms ist noch nirgends die Rede. Der Bischof Roms sitzt in einer altehrwürdigen Stadt, gewiss, und ist inmitten des Ansturms der Goten nahe an den Schaltstellen der Macht. Aber ein Primat Roms in Glaubensfragen ist zu der Zeit im Westen alles andere als unumstritten, und im Osten natürlich schon gleich gar nicht.
„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen (Petra) will ich meine Kirche bauen“, heißt es bei Matthäus. Eine Bibelstelle, die bei den anderen drei Evangelisten fehlt. Vieles spricht für eine nachträgliche Einfügung. Auch für manch heutigen Theologen ist die „Felsenstelle“ - so heißt so etwas auf theologisch: „eine Beauftragung erst durch den `Auferstandenen´.“ Erst der Auferstandene, heißt das wohl, hat die Bibelstelle im Nachhinein eingefügt. Sie ist gleichwohl bis heute die maßgebliche, auf die sich die römisch-katholischen Päpste stützen, um ihre direkte und ununterbrochene Nachfolge des Apostels Petrus zu untermauern, der also von Jesus, was ebenfalls höchst umstritten war und ist, eine bevorzugte Rolle unter den Aposteln zugewiesen bekommen haben soll.
Petrus hätte dann, zusammen mit Paulus, die römische Gemeinde gegründet, und er sei ihr erster Bischof gewesen. Alles Blödsinn! Petrus war wahrscheinlich nie in Rom. Jedenfalls ist sein Rom-Aufenthalt nirgends belegt. Paulus erwähnt ihn z. B. überhaupt nicht. Ganz zu schweigen davon, dass es nirgends einen Hinweis darauf gibt, dass Petrus einen Nachfolger designiert hätte.
Erst um ca. 170 n. Chr. wird Petrus' angeblicher Aufenthalt in Rom überhaupt zum ersten Mal erwähnt. Zwischen 180 und 185 n. Chr. entsteht eine erste „Bischofsliste“, die uns jedoch nicht im griechischen Original, sondern nur in einer lateinischen Übertragung aus dem 3. oder 4. Jahrhundert bekannt ist. Euseb hatte sie angefertigt. Im Fall einer anderen, einer Bischofsliste für Alexandria ist ebendieser Euseb nach heutigem Forschungsstand einer interessierten Fälschung ganz eindeutig überführt …
Es entstanden dann weitere Bischofslisten, alle im Nachhinein angefertigt, manchmal zur Abfolge der römischen Kaiser auffallend kongruent, andere wurden ganz offensichtlich verändert. In einer steht als erster Bischof Roms ein Papst Linus und in einer zweiten Version derselben wurde dieser Linus durch den angeblich ersten römischen Bischof Petrus ersetzt …
Bis zum 3. Jahrhundert war von einem Primat Roms in Glaubensfragen noch überhaupt nirgends die Rede. Als dieser Anspruch dann laut wurde, entstanden auch diese gefälschten Bischofslisten, die angeblich zurück bis Petrus reichen. Die zeitgenössischen Widerreden gegen den „frechen und unverschämten“ Anspruch des römischen Bischofs auf Vorherrschaft, selbst auch von anerkannten Kirchenlehrern wie dem Hl. Cyprian und Origenes aus dem 3. Jahrhundert oder von Ambrosius aus dem 4., aus dem konkurrierenden „Neuen Rom“ Konstantinopel kommend, ebenso aber auch aus dem Westen, sind Legion. Das Konzil von Konstanz z. B. sprach Rom dieses Recht ab. Die bekannten Schismen mit Gegenpäpsten, fast bis in die Neuzeit hinein, waren die Folge.
Erst im 19. Jahrhundert traute sich ein Papst dann - Deschner greift hier ein wenig vor - das päpstliche Universalepiskopat offiziell zu definieren, und verkündete damit zugleich auch, wo er schon einmal dabei war, seine Unfehlbarkeit.
Von 1940 bis '49 wurde auch nach dem Grab dieses angeblichen Urpapstes unter St. Peter in Rom gegraben. Und der Vatikan konnte einen Erfolg vermelden! Zwar hätte man Petrus' Gebeine nicht finden können. Sehr wohl aber hätte man „die Stelle des Grabs“ gefunden. Petrus' Gebeine seien wahrscheinlich in unsicheren Zeiten nach anderswo verfrachtet worden. Nicht also ein Grab, aber die „Stelle eines Grabes“ hätten die vatikanischen Archäologen identifizieren können. Für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat man die „Stelle“ aber nie. Es gäbe dort auch, verlautete zur Begründung, „kaum etwas Denkwürdiges“ zu sehen.
Kriminalgeschichtlich waren es also Urkundenfälschung und Betrug, auch Störung der Totenruhe (denn einmal entpuppten sich angebliche Petrusknochen auch als älter zu datierende, aber einer Frau zugehörige,) die Roms Bischof groß und dann zum Papst gemacht haben. Die folgenden Verbrechen waren schlimmer. Die Zeitläufte gaben reichlich dazu Gelegenheit. Rom im Verein mit Alexandria gegen Antiochia. Rom im Verein mit Alexandria gegen Konstantinopel. Im Verein mit Konstantinopel gegen die bereits schon christlichen, aber arianisch-ketzerischen Goten. Dann wieder Konstantinopel, das eh sich in der Skrupellosigkeit jederzeit mit Rom messen konnte, zusammen mit den Goten und gegen Rom. Dann wieder Rom, zusammen mit den Goten, gegen andere Goten. Fast ununterbrochen tödliche Intrigen, Giftmord, Mord, Massenmord und Totschlag, Betrug noch und nöcher, Korruption, falsche Zeugnisse. Randalierende, plündernde Mönchshorden. Und immer hatten alle Seiten das Ketzeretikett parat für den jeweiligen Konkurrenten und Gegner. Immer ging es angeblich nur um den reinen Glauben. Deschners Reihung - sie ist immer ausgezeichnet belegt, aber zuweilen, ich sagte es bereits in Bezug auf den 1. Band, ermüdet sie.
Erhellend ist das gleichwohl. Zum Beispiel auch die eigenartige Karriere der Jungfrau Maria. Bis ins 5. Jahrhundert wurde sie in Rom in keinster Weise verehrt. In der Bibel kommt sie ja auch kaum vor. Aber im Osten, in Antiochia, spitzte sich da der Kampf um die Bischofswürden zwischen den sog. Nestorianern und Kyrillisten an der Marienfrage mächtig zu. Zuvor hatten sie sich (vgl. mit der Besprechung des Bd. 1) über die eine göttliche Natur Jesu versus der 2 Naturen in ihm dogmatisch gestritten und sich gegenseitig der Ketzerei geziehen. In Bezug auf die arme Maria hatten sie sich dann darum gestritten, ob sie als „Mutter Gottes“ oder „Gottesgebärerin“ bezeichnet werden dürfte, oder ob dieses zu nahe sei am alten heidnischen Glauben an weibliche Götter, und somit Ketzerei, und allenfalls von der „Mutter Christi“ oder „Christusgebärerin“ gesprochen werden dürfe. Rom hielt sich also, wie gesagt, zuerst heraus. (Außer, dass es Maria schon sehr bald eine „dauernde Jungfernschaft“ attestiert hatte, obwohl an einer Stelle in den Evangelien von mehreren Söhnen Marias die Rede ist …)
Die Marienfrage zwischen Kyrillisten und Nestorianern wurde dann auf dem Konzil von Ephesos 431 geklärt. Beide Fraktionen rückten, umgeben jeweils von einer Entourage gewaltbereiter Mönche, zu dem Konzil an, das damals bezeichnenderweise noch nicht vom Papst, sondern vom Kaiser ausgerichtet und einberufen worden war, um den gestörten Kirchenfrieden nämlich wieder herzustellen. (Dass es vom römischen Papst einberufen worden war, ist auch erst eine spätere falsche Behauptung.) Bezeichnend ist auch, dass die angebliche Streitfrage um Maria in den Protokollen von Ephesos mit keinem einzigen Wort erwähnt wird. Die Kyrillisten waren jedenfalls besser auf den Event vorbereitet. Sie setzten den Beginn des Konzils durch, obwohl noch viele (gegnerische) Bischöfe auf der Reise waren und sich verspäteten. Sie verteilten an die örtlichen Machthaber und an unentschiedene Teilnehmer die wertvolleren Überredungsmittel, d. h. Geschenke. Ja, man kann sagen, dass dieses heutige Dogma von der „Gottesmutterschaft Marias“ ein ausgesprochen teuer erkauftes Dogma war! (Was auch von heutigen katholischen Historikern vielleicht vornehm umschrieben wird, aber nicht bestritten.) Die Nestorianer jedenfalls erlitten auf dem Konzil von Ephesos, einberufen in eine Stadt, in der es übrigens seit Urzeiten ein heidnisches weibliches Heiligtum gegeben hatte, eine vernichtende Niederlage. Sie wurden als Ketzer verurteilt, ihre Bischöfe abgesetzt, sie wurden verprügelt, verhaftet, exkommuniziert, verbannt.
Kaum aber waren die Nestorianer aus dem Weg geräumt, billigten die Kyrillisten genau jene Kompromissformel, die Marienfrage betreffend, die sie vorher noch als allerschlimmste Ketzerei abgelehnt hatten, und entsprachen damit auch dem kaiserlichen Interesse, den internen Religionsfrieden (auch mit den „Heiden“?) schleunigst wieder herzustellen. Und in der unmittelbaren Folge schlug sich dann eben auch Rom auf die Seite der siegreichen Kyrillisten und trug nun die Kompromissformel mit, und seither wird nun auch in Rom die Maria fast wie eine heidnische weibliche Gottheit verehrt. Tja, so kann's gehen …
Und überhaupt war der römische Bischof, der angebliche sukzessive Nachfolger Petrus', waren der Vatikan und die Päpste diplomatisch immer sehr geschickt. Es folgten die chaotischen Jahrhunderte der Völkerwanderung und des kontinuierlichen Niedergangs Roms. Am Endergebnis sehen wir heute: Die Hauptprofiteurin in Europa an dem folgenden jahrhundertelangen Chaos mit sich anschließendem finsteren Mittelalter war dann bis heute die Römisch-Katholische Kirche.
24. Jänner 2011
Eine lobenswerte Initiative
Der spindeleggerische Außenminister Österreichs hat sich dafür ausgesprochen, die EU möge doch vehementer eintreten für Religionsfreiheit.
Normalerweise, wenn der Mann den Mund aufmacht, schlage ich schon die Hände über dem Kopf zusammen, noch bevor ich weiß, was diesmal nun wieder dabei herauskommt. Aber in diesem Fall hat er meine unbedingte Zustimmung. Ich bin auch für ein religionsfreies Europa und für Religionsfreiheit überall auf der Welt.
19. Jänner 2011
Der erste Band
Andere Sachen lese ich ja auch noch, aber ich bin jetzt durch mit dem 1. Band von Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums - Die Frühzeit“ (Rowohlt, 1986).
In einem 70-seitigen Vorwort legt Deschner seine Methode dar. Als kriminell im Sinne des Buchtitels versteht er die Verstöße der Kirche gegen ihre eigenen Forderungen und Gebote. Wenn Christen also gegen ihre eigenen, nach außenhin gepredigten Moralgebote verstießen. Solch einen festen Bezugsrahmen sich zu geben für das umfangreiche Werk, macht natürlich, auch juristisch, Sinn. Denn niemand darf nach heutiger demokratisch-rechtsstaatlicher Lesart für eine Tat verurteilt werden, die zum Zeitpunkt ihrer Begehung noch nicht verboten war. Diebstahl, Lüge und Betrug, Mord und Totschlag jedoch wurden vom Christentum zu jeder Zeit theoretisch abgelehnt, während es in der Praxis dadurch erst, wie Deschners Buch nahelegt, so groß und mächtig hat werden können.
Deschner hält der Kirche jedoch auch „Kriminelles“ vor, was in den hier behandelten ersten vier Jahrhunderten nach Christus noch keineswegs kriminell war, ihre Teilnahme an der Sklaverei zum Beispiel. Ihre Erziehungsmethoden. Auch die Anwendung von Folter und gewisse barbarische Strafen sind gewiss aus heutiger Sicht strikt und mit gutem Grund abzulehnen, verstießen jedoch nicht gegen die damals üblichen „Rechtsnormen“ und waren also nicht in diesem juristisch engen Sinn kriminelle Vergehen der frühen Kirchenväter gegen Gebote, die sie sich selbst auferlegt hatten. Da wird Deschner dann schon auch mal moralisch. Seinem Schreibstil tut der moralische Furor jedoch nur gut.
Deschner will nicht objektiv sein. „Wer Weltgeschichte nicht als Kriminalgeschichte schreibt, ist ihr Komplize“, sagt er. Er ist immer auf Seiten der Unterdrückten. (Unterdrückung - noch so eine moralische, nicht-juristische Kategorie.) Er verfolgt mit seinem Buch auch keine „konstruktive Kritik“, wie er sagt. Sondern eine „zerstörerische“. Er will mit seinem durch Jahrzehnte entstandenen 10-bändigen Werk der Kirche und der Unvernunft christlicher Spielart schlicht und einfach den Garaus machen. Eine verdienstvolle Arbeit. Er hat dafür alle meine Sympathie.
Die Frühzeit also, in diesem 1. Band, die ersten vier Jahrhunderte. Eine „Rechtgläubigkeit“ gab es nie. Von Anfang an gab es eine Unzahl christlicher Sekten, die, solange sie Minderheiten waren, stets hübsch friedlich für Religionsfreiheit und Koexistenz eingetreten, sobald sie aber hegemonial und das Christentum Staatsreligion geworden waren, ihren eigenen historischen Ursprung: das Judentum, die römischen und griechischen Heiden und vor allem sich untereinander bis aufs Blut bekriegten, im Kampf um die richtige Richtung, sprich: um die Fleischtöpfe in der jeweiligen Diözese. Die allermeisten Häretiker kamen ja immer aus dem Schoß des Christentums selbst, waren durchaus gläubig im christlichen Sinn, und entweder waren sie Konkurrenten um eine Bischofswürde oder aber sie prangerten als Basis-Christen den luxuriösen Lebensstil des Klerus an, der mit Christus' Leben und Lehre nicht zu vereinbaren wäre, und zogen sich dadurch das Ketzer-Etikett zu und wurden verfolgt.
Synodale Beschlüsse gab es da auch schon mal gegen die Armutsprediger, in denen hochoffiziell festgelegt wurde, dass der Fleischkonsum des hohen Klerus nicht nur nicht verwerflich sei, sondern an hohen christlichen Feiertagen eine unabdingbare Christenpflicht! Und im Kampf um die Vorherrschaft und die Fleischtöpfe in Afrika, Italien und anderswo zwischen Katholiken und Arianern ging man sich beinahe 150 Jahre lang mit Ketzervorwürfen, Dokumentenfälschungen, Krieg und Gift- und Massenmorden gegenseitig an die Wäsche, wobei die Protagonisten je nach Kräfteverhältnis zuweilen oder auch wiederholt das Lager wechselten. Vorgeblich ging es in dem Streit um die Frage, ob die katholische Dreifaltigkeit als eine ketzerische Vielgötterei anzusehen sei, oder der arianische Glauben an den einen Gott mit zwar göttlich inspiriertem, jedoch weiterhin menschlichem Messias-Sohn sich gegen die gleichberechtigten Gottesemanationen von zweitens: Jesus Christus und drittens: Hl. Geist ketzerisch versündigen würde.
Frappant in Deschners Buch ist auch, wie er den bestens belegten christlichen Verbrechen im Zuge solchen Ringens dann immer wieder Passagen folgen lässt, Zitate heutiger christlich-offizieller Kirchengeschichtsschreiber, die den jeweiligen Delinquenten (und Sieger der Geschichte) dann regelmäßig nicht nur ein bisschen reinwaschen und schönfärben, sondern ihn natürlich immer gleich als den friedliebensten, tolerantesten und gütigsten Menschen darstellen, der je auf Erden gewandelt ist, und der nie auch nur einer Mikrobe etwas hat zuleide tun können.
Die endlose Folge von Verbrechen in dem Buch ist manchmal auch ermüdend. Literarisch gesprochen folgt Deschner oft dem Prinzip der seriellen Reihung. Die Art der Taten und die sprachlichen Formulierungen wiederholen sich. Das ist stilistisch mutig und es bekommt mit der Zeit, wenn man sich darauf einlässt, fast etwas Litaneienhaftes.
Witzige Episoden gibt es in dem Buch aber auch immer wieder. Dem Hl. Ambrosius, seines Zeichens altkatholischer Kirchenlehrer und ebenfalls im Ringen mit den Arianern stark involviert, hatte geträumt, er würde am nächsten Tag in einer Kirche, um deren Besitz sich mit den Konkurrenten gerade gestritten wurde, gewisse Märtyrergebeine finden. Und prompt geschah's! Die Arianer wiesen zwar noch darauf hin, dass die Knochen ja noch blutig seien und somit nicht von jenem Märtyrer stammen könnten, der bereits vor 100 Jahren das Leben für Christus gelassen hatte. Es half ihnen aber nichts. Denn laut Ambrosius war eben diese Tatsache, dass die Knochen noch nach 100 Jahren bluteten, ein eindeutiger Beweis, dass es sich tatsächlich um wundertätige Märtyrerknochen handelte! Er nannte es l'elemento soprannaturale. Gut gegeben, oder? Er kam damit durch.
Der erste Band von Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“ endet mit dem Kirchenlehrer Augustinus. Der war in seinem Kampf gegen die Juden, Heiden und v. a. die sog. Donatisten auch nicht gerade skrupulös! Wegen der Folter, hielt er seinen Gegnern vor, sollten sie sich nicht so haben. Die sei nämlich noch überhaupt nichts gegen das ewige Höllenfeuer. Was hätten sie gegen Krieg? Dass da Leute sterben würden? Alle Menschen seien sterblich und sie stürben so oder so. Und die schlechten Herrscher, mahnte er die Untertanen, seien von Gott gesandt, um die Menschen zu züchtigen und zur Demut zu erziehen. Sich gegen sie aufzulehnen hieße, sich gegen Gott zu wenden. Solcherart waren seine Lehren, und mit solcher Logik wurde er dann zum Kirchenlehrer schlechthin. Er ist ja bis heute mit der bekannteste und u. a. wegen seiner confessiones immer noch viel gelesen und sehr beliebt.
In meinem Zeit-Buch kommt er ja auch vor. Nicht einmal mit seinem berühmten Zitat, von wegen der Zeit, und dass er, wenn ihn niemand fragen würde, wisse, was sie ist, und wenn ihn aber einer frage, dann wisse er es nicht mehr. Sondern wegen seiner Auflösung des Rätsels, was Gott wohl gemacht hat vor der Erschaffung der Welt? Ob er sich da gelangweilt habe? (Was unvorstellbar wäre für einen Gott.) Augustins Antwort kam nun bekanntlich der modernen wissenschaftlichen Denkart recht nahe: Gott hätte mit der Welt die Zeit auch erst erschaffen. Vergleiche: Ab einer gewissen Nähe, zurück gerechnet in Richtung Urknall, ab einer gewissen Verdichtung aller Materie auf einen Punkt verliert unser übliches Zeitkonzept die Gültigkeit und jeden Sinn. Ein genialer Geistesblitz eines genialen theologischen Universalgelehrten? Ich habe jetzt doch so meine Zweifel. Ein gewiefter Scholastiker ordnete seinem felsenfest stehenden Gotteskonzept dogmatisch alles, selbst die Zeit, unter, und fand so halt auch mal so etwas ähnliches wie ein Korn.
07. Jänner 2011
Was 2011 kommt: Profil verbiegt sich
Das profilierteste österreichische Nachrichtenmagazin hat zusammengetragen, was 2011 so alles kommt: Am 2. 2. der Welttag der Feuchtgebiete. Am 14. 3. ein Weltstaudammtag. Am 5. 5. der Internationale Tag der Handhygiene. Am 3. 11. gar ein Weltmännertag. Und für den 21. 11. habe ich mir mein Mitfeiern des Welttags des Fernsehens gleich im Kalender notiert und schon mal fest vorgenommen. Ich weiß nur noch nicht: Ist das alles ernst gemeint?
Gleich daneben finden sich aber die gewiss ernst gemeinten, die in 2011 anstehenden runden Todestage. Unter der trotzdem sehr witzigen Überschrift „Gewitzt“ wird da angekündigt: Wir verbiegen uns vor: Karl Kraus (75. Todestag am 12. Juni) …
Karl Kraus hat es ja immer gesagt: Dass ein jeder Druckfehler in der bürgerlichen Presse mehr Wahrheit enthalten würde als sämtliche ihrer korrekt geschriebenen Elaborate. Und dass sich die Journaille noch an seinem 75. Todestag wegen ihm wird verbiegen müssen, das hat er sicher auch bereits voraus gewusst.