Tagebuch

Nur sehr
selten bespielt …

07. August 2019

Claudia Neumann - eine Audiokritik

Claudia Neumann kann einem schon wirklich den Spaß am Fußball verderben. Als da am 31. Juli eine B-Elf des FC Bayern ein Sommertestspiel-Showevent für den Hauptsponsor ablieferte, hätte sie es wirklich einmal etwas ruhiger angehen können. Eine Audiokritik:
mp3; 6 MB; 6 min., 44 sec.

Anhören?

15. April 2019

Solaris

Eskapismus. Was bleibt einem heute auch sonst noch? Gestern habe ich mich mal wieder in „Solaris“ vertieft.

Sinnlose Pferde. Dass Tarkowskij es selbst auch in einem Science-Fiction-Film geschafft hat, sinnlose Pferde auftreten zu lassen - das ist schon wirklich große Kunst. Sie sind Tarkowskijs Markenzeichen, vergleichbar mit Hitchcocks Kurzauftritten in dessen eigenen Filmen. Gleich dreimal gibt es in „Solaris“ sinnlose Pferde.

Tarkowskij verrätselt gern. Er blendet. Er überwältigt. Im Hintergrund singt meistens ein Chor. Es gibt verwirrende Schnitte. Unvermittelt wird da mal eben Bruegels winterliches Dorftreiben eingeblendet und stellt uns vor ein neues sinnloses Rätsel. Virtuos beherrscht er die filmischen Mittel. Für mich ist er der Richard Wagner des Films.

Immer wieder sehen wir den Protagonisten in strikter Rückansicht. Verstockt wendet er uns den Rücken zu, im Auto, im Raumschiff und immer wieder vor idyllischen Landschaften. Wenn man dann nicht die beginnende Glatze auf dem Hinterkopf studieren will, zwingt es einem seine, des Protagonisten Sicht und Perspektive auf. Schroff verweigert er jeden Kontakt, und doch macht es uns mit ihm gemein. Tarkowskij hat auch den Caspar David Friedrich gründlich studiert.

Trotz alledem ist der Film aber immer noch philosophisch. Das lässt sich, wenn man einen Roman von Stanislav Lem verfilmt, wenigstens bei den besseren, kaum vermeiden.

Der Ozean am fernen Planeten Solaris extrahiert die Erinnerungen, Gefühle und Gedanken der irdischen Raumfahrer und materialisiert daraus Personen, die in deren Vergangenheit eine wichtige Rolle gespielt haben. Zur Kontaktaufnahme? Oder um sie wahnsinnig zu machen, um sie zu manipulieren? Es kann dann eine einst tragisch mit dem Suizid der Frau geendete Liebesgeschichte noch einmal aufgegriffen, versucht, gelebt werden, und selbst wenn der Versuch scheitert, weil die Frau sich gewahr wird, nicht „die Echte“ zu sein, und sich erneut umbringt, nämlich auch um den Geliebten nicht in falschen Illusionen zu halten und um ihn nicht in den Wahnsinn zu treiben - so steht sie am nächsten Tag trotzdem wieder vor der Tür.

Darf und soll der Mann die Gelegenheit (auch zum Sex) nutzen, oder ist es angesagt, wie es die Kollegen fordern, die Neutronenemanation mit allen Mitteln zu bekämpfen und zu vernichten? Damit begäbe man sich aber auch der Möglichkeit, mit der außerirdischen Intelligenz zu kommunizieren. Und man zöge einen gewaltsamen Schlussstrich, obwohl doch jede Wiederauferstehung der Frau augenscheinlich macht, dass die Lebensphase in den Gedanken noch nicht abgeschlossen ist.

Sie lernt auch dazu, wird immer menschenähnlicher. Ab wann ist sie ein Mensch? Und selbst wenn sie noch keiner ist, ist ihre Annihilierung nicht trotzdem jedesmal Mord?

Soviel zum philosophischen Potential und Kern der Romanvorlage. Sie scheinen immer wieder durch. Es gibt sogar Passagen, da werden sie vom Raumfahrtpersonal regelrecht in Form eines Austauschs vernünftiger Argumente sprachlich durchdekliniert. Aber dann wird wieder - wir sind ja in einem Tarkowskij-Film - verrätselt, geblendet, überwältigt. Sinnlose Pferde …

Übrigens ist „Solaris“ keineswegs, wie es immer wieder heißt, ein „aufwändig produzierter Film“. Für einen Sowjetfilm von 1972 vielleicht, nicht jedoch im Weltmaßstab. Ein Vergleich mit Kubricks „2001: A Space Odyssey“, vier Jahre vorher entstanden, hätte schon damals erahnen lassen können, dass der Warschauer Pakt im Wettbewerb der Systeme niemals würde gewinnen können. (Aber das war eh immer nur eine Schnapsidee, den Kapitalismus ausgerechnet in seinen Paradedisziplinen schlagen zu wollen: Ressourcenverheizung und sinnfreies grenzenloses Wachstum.) Wie ein Hund muss Tarkowskij gelitten haben unter der Beschränktheit der Mittel. Er machte halt das Beste draus.

Und um abschließend jenen anderen Gedanken noch einmal aufzugreifen, so wird er umso plausibler, je mehr ich darüber nachdenke: Wenn der komplette Filmproduktionsapparat, die besten Techniker, Designer, Sänger und Musiker, Schauspieler, Maskenbildner, Coiffeure und Trickspezialisten der Sowjetunion von 1972 dem Richard Wagner zur Verfügung gestanden hätten, und er hätte nicht ein Festspielhaus zur Verfügung gehabt, dann wäre er mit ziemlicher Sicherheit genau Andrej Tarkowskij gewesen.

28. Februar bis 7. März 2019


Eine Studienreise ins
seltsame Brexit-Land


Was wir verlieren würden, wenn Großbritannien die EU verlassen sollte: -

What we lose …

Sausage rolls


What we lose …

Eine florierende Nationalökonomie, gestützt auf einen breiten Mittelstand


What we lose …

Bequeme Autos, besonders am Vordersitz links, nämlich ohne jedes störend beengende Lenkrad vor die Füß (auf Österreichisch: „1. Reihe fußfrei“)


What we lose …

Jede Menge bestens aufgeklärte, informierte, weltbürgerlich offene, antirassistische Mitbürger (ca. 33 Millionen, wenn nicht mehr)


What we lose …

Den Buckinghampalast mit dem dazugehörigen Tratsch, den Liebesgeschichten und Intrigen (im Bild die Rückseite)


What we lose …

Den Hadrians-Wall (Uns bleibt immerhin noch der Limes.)


What we lose …

Drachenskulpturen, die aus der Ferne betrachtet manchmal wie Penisskulpturen aussehen


What we lose …

Vom Menschen geprägte Kulturlandschaften (Selbst die Wasserläufe halten sich an den Linksverkehr.)


What we lose …

… und natürlich jede Menge gutes Bier.


26. Dezember 2018


Als ich noch fleißig
in mein Tagebuch schrieb …

Soeben ist erschienen:

Literarischer Zeitvertreib Nr. 18

Literarischer Zeitvertreib Nr. 18

„Als vieles noch besser war -
Geschichte Österreichs (und einiger anderer Weltgegenden) 2007 - 2017“

Weblogkommentare, -polemiken und -satiren
von Victor Halb

92 Seiten, Euro 4,50

Möchten Sie das Heft per E-Mail bestellen?

Und hier kommen Sie zu den älteren Ausgaben des „Literarischen Zeitvertreibs“.