Corona-Tagebuch

Corona-Zeichnung

„Corona“ (Victor Halb, Mai 2020)

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22. Mai 2020

Corona-Lieblingsgerücht

Raucher, habe ich jetzt schon öfter gehört, stecken sich seltener mit dem Corona-Virus an.

21. Mai 2020

Was ist das System dahinter?

Ob beim Friseur oder beim Wirten, ob vom Kleinunternehmer oder vom freischaffenden Künstler - überall hört man zur Zeit die Aussage: „Geld ist bisher, von einem Vertröster-Tausender am Anfang vielleicht einmal abgesehen, noch keines geflossen.“ Und dann fallen oft noch die Zitate aus den Regierungspressekonferenzen am Anfang der Krise: „Niemand wird zurückgelassen“ und „Koste es, was es wolle“, und schon aus der Not und Sorge heraus drängt sich bei vielen die Frage auf: Was ist das System dahinter?

Die Antwort: „Der Kapitalismus“ steht schwer unter Ideologieverdacht und ist jedenfalls zu stark verkürzt, als dass sie die Frage beantworten könnte. Aber als eine einleitende Vorbemerkung und als erster Hinweis kann seine Benennung doch weiterhelfen. Wenn man ihn nämlich so versteht, dass schon in den ganz normalen Zeiten im Kapitalismus alle Akteure immer auch Getriebene sind, sich in einem Netz von Sachzwängen bewegen. Ob an den Schaltstellen der Macht, ob als Otto oder Erna Normalkonsumentin oder ob auch in den Wirtschaftswissenschaften bis hinauf zu den Nobelpreisträgern gibt es selbst auch im kapitalistischen Normalbetrieb niemanden, der da wissen kann, wie es friktionslos oder ohne Opfer und Krisen oder auch in Zukunft oder auch auf Dauer abgehen könnte. Niemand hat im Kapitalismus das Ruder in der Hand und steuert das Staatsschiff in die richtige oder in eine falsche Richtung. Nicht im Normalbetrieb, und erst recht nicht in der Krise.

Es gibt Akteure. Sie haben Interessen. Manche wollen reich werden. Andere wollen ihren Reichtum nicht verlieren. Wieder andere wollen vielleicht auch „das Beste“ im Sinn von „das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl“. Aber weder gibt es irgendwo eine Position, die man nur erklimmen müsste, um das eigennützige oder gemeinnützige Ziel zu erreichen, noch gibt es einen sonstigen Weg, wie eine anerkannte Lehrmeinung oder eine bewährte Abfolge von Schritten, um das eine oder das andere Ziel mit Sicherheit zu erreichen. Alle Akteure sind im Kapitalismus immer am Lavieren. Alle sind sie immer auch Getriebene. So gesehen ist „der Kapitalismus“ auch jetzt in der Krise sehr wohl das System, beziehungsweise das Nicht-System dahinter.

Ein wichtiger Akteur, um zu unserer eigentlichen Frage zurückzukommen, ist jetzt natürlich der Finanzminister. Er schaut jetzt drauf, und das ist ja auch seine vordringliche Aufgabe, dass die Krise nicht uferlos teuer wird. Also schmeißt er auch nicht das Geld mit beiden Händen aus dem Fenster.

Zum einen gibt es ja auch tatsächlich viel Missbrauch. Es ist schon wirklich erstaunlich, wieviel Dreistigkeit sich da jetzt schon offenbart hat, von Firmen, die Kurzarbeitergeld kassierten und aber weiter voll arbeiten ließen, über finanzstarke Ladenketten in Deutschland, die die Regelung für kleine Betriebe, nicht wegen Mietrückständen gekündigt werden zu dürfen, auch für sich in Anspruch nahmen und ebenfalls keine Miete mehr zahlten, bis hin zu Renault in Frankreich, das sich ein Milliardenhilfspaket zusichern ließ, und kaum war es vorgestern durch, gestern trotzdem, was nun wirklich nicht der Sinn der staatlichen Hilfen war, Massenentlassungen und Werksschließungen ankündigte. Und das sind nur einige bekannt gewordene Fälle! Es muss da tatsächlich viel Missbrauch geben.

Und was nun aber andererseits die berechtigten und oft auch fast lebensnotwendigen Ansprüche so vieler Kleiner angeht, so kann unser Finanzminister, um die Ausgaben zu verringern, auf eine besonders in Österreich schon seit Ur- beziehungsweise K. und K.-Zeiten bewährte Methode zurückgreifen: auf die Bürokratie. Besonders hier in Österreich ist die Bürokratie eine äußerst effiziente Mischung aus tyrannischer Gängelei, Schlamperei und Willkür, um Auszahlungen zuerst einmal hinauszuzögern und damit es auch oft, nicht zuletzt auch wegen Scheiterns am Juristendeutsch, gar nicht zur Auszahlung kommt.

Der Finanzminister Blümel versucht jetzt also zu sparen. Nicht nur durch Eindämmung des Missbrauchs, sondern auch an der Masse der kleineren Ansprüche. Das ist ganz offensichtlich. Aber ob es dahinter auch noch eine bewusste weiterreichende Strategie gibt, etwa eine Linie, wie sie der Notenbankchef Holzmann zu Beginn der Krise vorgegeben hatte: all das lästige Kleinunternehmerkruppzeug pleite gehen zu lassen und so die Krise auch zu einer monopolkapitalistischen (Be-)Reinigung zu nützen? Es wäre natürlich eine Möglichkeit. Ich würde es aber sogar bezweifeln. Denn den kleinen Mittelstand zu ruinieren und ihn in Folge als arbeitslos gewordene „industrielle Reservearmee“ zum Beispiel zur Durchsetzung einer Politik niedrigerer Löhne zu verwenden, das scheint mir doch selbst auch in der unternehmerfreundlichen ÖVP noch nicht das Ziel zu sein. Das wäre auch für viele Großindustrielle volkswirtschaftlich viel zu riskant. Nein, ich denke, Blümel wurschtelt jetzt halt einfach und er spart auch durch Bürokratie und Schlamperei Geld, wie es halt in Österreich und im Kapitalismus immer so ist, ohne eine größere Strategie dahinter.

Eine näherliegende Spekulation als die über Blümels strategische Motivationen ist es da schon, sich zu fragen, ob und wieviel Corona-Geld bis jetzt bereits, sozusagen relativ unbürokratisch, an die größeren Unternehmen geflossen ist. Der parlamentarische Unterausschuss, der das regeln und überwachen soll, ist ja immer noch nicht am Arbeiten. In dieser Richtung hört man, von der Debatte um die Rettung der AUA und entsprechende Zahlungen an die deutsche Lufthansa einmal abgesehen, sehr wenig. Das Kurzarbeitergeld ist ja auch eher auf die Großen zugeschnitten. Es muss bekanntlich von den Firmen vorgestreckt werden, was sich die kleinen Betriebe oft gar nicht leisten können. So erhält es in erster Linie den Großunternehmen ihre Handlungsfähigkeit und erleichtert ihnen das Durchstarten nach Ende der Krise.

Die Zahlungen an die Großen waren bisher skandalös intransparent. Und die Kleinen haben bisher außer Almosen nichts bekommen, das hört man jetzt an allen Ecken und Enden. Das ist dann wohl ebenfalls schon, ganz kurz zusammengefasst, das ganze System dahinter.

18. Mai 2020

Die Cluster der Armen

In Österreich im Postverteilerzentrum, das viele Leiharbeiter beschäftigt hat, die sich nicht trauen, in Krankenstand zu gehen, weil sie dann kein Geld bekommen würden; von da aus weiter gewandert in die Flüchtlingsunterkünfte, (und nicht etwa in der umgekehrten Richtung!); und in mehreren Obdachlosenheimen; und in Deutschland im Umfeld der Schlachthöfe, die viele billige ausländische Arbeiter unter Vertrag haben, menschenunwürdig zusammengepfercht in Massenunterkünften - das sind im Moment die auffälligsten Cluster, von denen eine zweite Infektionswelle auszugehen droht.

Das Corona-Virus zeigt uns wieder sehr schlau auf, wo es auch zuvor schon gehakt hat in der Gesellschaft.

Nein, das Corona-Virus ist ein Arschloch, denn es bringt bevorzugt die Ärmsten der Armen in Gefahr, wie man vor allem auch in den USA zur Zeit gut sehen kann, und es verstärkt oft noch die Stigmatisierung der eh schon Stigmatisierten.

15. Mai 2020

Mitnaschen

Punktgenau fertig geworden zur Wiedereröffnung der Gaststätten: Das PROGRAMM DER CORONA-PARTEI (und andere Einträge aus dem Corona-Tagebuch) in der Printversion.


Literarischer Zeitvertreib Nr. 19

Wie geplant kann ich jetzt auch mit einer stolzen 50-er Startauflage am fetten Corona-Geschäftskuchen mitnaschen.

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13. Mai 2020

Im Rückblick: Der Primat der Wirtschaft

Seit Ende März hatte ich mich in mehreren Einträgen besorgt gefragt, wann der Primat der Wirtschaft die Oberhand gewinnen würde über den der Pandemiebekämpfung, und in welchen Weltgegenden dieses zuerst zu erwarten sein würde.

Deutschland ist weiter gut mit dabei. Ein föderalistischer Wettlauf in den Lockerungen der Beschränkungen hat den Boden bereitet. Die Reproduktionsrate der Infizierten ist immer noch größer als 1, was normalerweise weiter zu größter Vorsicht Anlass geben sollte. Aber allüberall, und nicht nur in Deutschland, wird jetzt „wieder hochgefahren“. Die Fließbänder werden wieder hochgefahren, das soziale Leben wird wieder hochgefahren, der staatliche Drill in den Schulen wird wieder hochgefahren, das Bezahlfußballfernsehen wird in den deutschen Ligen 1 und 2, von ein paar Ansteckungsfällen abgesehen, hoffentlich auch bald wieder hochgefahren.

Auch der Tourismus in Deutschland wird, da die Grenzen ja noch geschlossen sind, wenigstens innerstaatlich wieder hochgefahren. Und da aber die deutschen Reiseweltmeister unmöglich alle einen Platz finden könnten auf ein paar bayerischen Almen und kleinen Inseln in der Nord- und Ostsee - und wer will schon auf Urlaub in die Nazigebiete in der ehemaligen DDR? - so ist die deutsche Regierung jetzt seit ein paar Tagen auch Vorreiter beim Niederreißen der Grenzen und für das Wiederhochfahren der alterwürdigen Ideale der Europäischen Union und des grenzüberschreitenden Verkehrs von Waren, Menschen und Dienstleistungen geworden. Sie konnte auch nicht mehr anders. Der Druck der Straße war immer größer geworden.

Der Druck der Straße, das ist in Deutschland gerade eine gruselige Allianz von Weltverschwörungsdurchschauthabern, Nazis und Impfgegnern, die gegen die Reste der Corona-Beschränkungen demonstriert, und auch für die Bestrafung der Schuldigen an der Seuche, und gelegentlich auch auf die staatliche Lügenpresse, wenn sie sich dort sehen lässt, eintritt, und zwar wegen derer weltumspannenden Propagandaerfindung, es existiere ein Virus namens Corona, das es 1. in Wirklichkeit gar nicht gibt und von dem man 2. im Internet erfahren kann, dass es aus einem geheimen Genlabor von Bill Gates kommt, und dieser hat ja auch bei einem geheimen Weltpatentamt die Patentrechte an dem Virus und an seiner offensichtlich geplanten Verbreitung mittels G5 erworben, sowie auch an der zukünftigen Zwangsimpfung dagegen, und gegen diese krank oder gefügig oder schwul oder jüdisch machenden Injektionen, mit denen Bill Gates sich nur noch mehr bereichern will, wird auch ein Aluminiumhut nichts mehr ausrichten können.

Gruslig anzuschauen ist er also, dieser Druck auf Deutschlands Straßen, und schmerzhaft wurde es in den letzten Tagen für mehrere Kamera- und Fernsehleute, die ihm mehr Öffentlichkeit verschaffen wollten, als es bestimmten Teilnehmern dieser öffentlichen Versammlungen recht war. Aber auch wenn er gruselig anzuschauen ist, so hält doch die deutsche Regierung grundsätzlich immer die Demonstrationsfreiheit für eines der höchsten Güter, und sich vom Mob gelegentlich auch einmal gesellschaftlichen Rückenwind geben zu lassen, ist ja spätestens seit der Abschaffung des Grundrechts auf Asyl 1991 in Deutschland eine bewährte Tradition.

Die Grenzkontrollen in Europa werden jetzt also herunter und sämtliche Hamsterräder und Tretmühlen allmählich wieder hochgefahren, und mehr und mehr setzt sich der Primat der Wirtschaft wieder in sein Recht. Aber das ist noch überhaupt nichts gegen das, was in den USA gerade geschieht. Annähernd schon 100.000 Corona-Tote gibt es dort, und die Infektionskurve steigt immer weiter, aber dem Wirtschaftsmann an der Regierungsspitze geht das völlig am Arsch vorbei. Der Unsägliche proklamiert einfach, die Pandemie wäre in den USA jetzt überwunden, und besser gemanagt worden als anderswo, und überhaupt würden sich Einschränkungen grundsätzlich nicht vertragen mit dem American Way of Life. Da werden jetzt noch viele, viele arme Menschen dem absoluten Primat der Wirtschaft und diesem unbarmherzig grassierenden American Way of Starving to Death zum Opfer fallen.

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