Am 20. November 2022 ist erschienen:


Literarischer Zeitvertreib Nr. 20

Literarischer Zeitvertreib Nr. 20:

„Wie Deutschland den FIFA-World-Cup 2022 in Katar ganz knapp nicht gewonnen hat“

Alle 64 WM-Spiele
IM VORHINEIN (!)
nacherzählt von Szabolcs Kiss und Victor Halb


Auf der Rückseite des Heftes steht, worum es da ging:

Literarischer Zeitvertreib Nr. 20

Das Heft ist LEIDER AUSVERKAUFT. Es kann aber HIER ALS PDF heruntergeladen und in ganzer Länge studiert werden.

Am Eröffnungstag der WM, am 20. November 2022 hatte Victor Halb das Heft bei der „Langen Nacht des Herzbluts“ im Wiener Perinetkeller vorgestellt.

Anhören?

Am 1. Tag der WM im Perinetkeller
(Audio, 10 min., 2 sec.)

18. Dezember 2022

Ein paar Stunden vor dem Finale

Zu unseren Prognosen und Fehlprognosen

„Wie Deutschland die WM in Katar ganz knapp nicht gewonnen hat“ - so hatten wir, mein Co-Autor Szabolcz Kiss und ich, unsere Nummer des Literarischen Zeitvertreibs betitelt, in der wir alle 64 Spiele der WM erzählt hatten, und zwar schon im Vorhinein!

Gewisse Abweichungen in unseren Prognosen von dem, wie die WM dann tatsächlich ablaufen würde, waren natürlich unvermeidlich. Im Großen und Ganzen lagen wir mit unseren Voraussagen nicht so schlecht, wie ich meine. Einen Finalteilnehmer, Argentinien, hatten wir immerhin richtig vorhergesagt. Aber unsere gröbste Fehlprognose betraf natürlich unseren anderen Endspielteilnehmer und war offensichtlich die titelgebende: In unserem Heft kommen die Deutschen bis ins Finale, in Katar schieden sie bereits in der Vorrunde aus.

Künstlerpech, würde ich sagen. Wie wir aber andererseits die Umstände des deutschen Scheiterns beziehungsweise Ausscheidens in unserem Heft sehr seltsam präzise vorhergesagt haben, da kann ich wirklich nur verwundert den Kopf schütteln und ich frage mich ehrlich auch selber, wie wir das bloß hinbekommen haben.

In einem fiktiven Live-Ticker liest sich das in „unserem“ Finale so:-

72. Minute: Kimmich flankt von rechts in den Strafraum. Götze nimmt den Ball aus vollem Lauf mit der Brust mit und hämmert ihn volley an die Unterkante der Latte. Der Ball springt von dort nach unten – auf die Linie? Hinter die Linie? [...] War der Ball hinter der Linie? Die Torlinientechnologie kommt zum Einsatz.
74.: Die Überprüfung zieht sich. In kleinen Gruppen stehen die Spieler zusammen und warten auf die Entscheidung. Auf den Großbildschirmen im Stadion erscheinen Grafiken und zeigen die Situation aus verschiedenen Perspektiven. Das Ding war wirklich verdammt knapp! Auch auf der Ehrentribüne gehen die Meinungen auseinander. Manchmal scheint es, als würde der virtuell vergrößerte Ball die Torlinie an einem Punkt gerade noch berühren. Dann wieder meint man, ein Atom hätte vielleicht doch noch Platz finden können zwischen Linie und Ball.
76.: Der Referee reagiert auf die wachsende Unruhe unter den Spielern und im Publikum und lässt den Stadionsprecher durchsagen, die Überprüfung der Szene erfordere noch ein wenig Geduld. Ein höherer Grad an Vergrößerung müsse noch angelegt werden. Die Computer würden auf Hochtouren rechnen.
78.: Tor für Deutschland! Jubel brandet auf. Die deutschen Spieler liegen sich in den Armen. Die Überprüfung hat ergeben, dass zwar kein Atom mehr Platz gefunden hätte zwischen Götzes „Wembleyschuss 2.0“ und der Torlinie, aber ein Elementarteilchen wie zum Beispiel ein Hicks-Boson hätte durchaus noch zwischen Linie und Ball gepasst. [...]
79.: Der Schiedsrichter will wieder anpfeifen, da bekommt er auf dem Headset eine Nachricht. Er lauscht, nickt kurz, bedeutet den Argentiniern, mit dem Anstoß noch zu warten. Auf den Stadionbildschirmen erscheinen die Worte: „VAR GOAL CHECK“. Offenbar wird vom Video Assistent Referee im Keller auf dem Zürichberg in der FIFA-Zentrale in der Schweiz noch der Befund der Torlinientechnologie überprüft. Der Jubel im kleinen deutschen Anhängerblock ist ungläubigem Gemurmel gewichen. Vereinzelt ertönen Pfiffe. [...]
81.: Für einen Moment wird es totenstill im Stadion – auf den Bildschirmen steht zu lesen: „Goal-check complete – No goal“. [...] Ein gellendes Pfeifkonzert hebt an. Einige der vorsorglich mitgereisten deutschen Hooligans fangen zu randalieren an und attackieren den Zaun und die Sicherheitskräfte. Die deutschen Spieler diskutieren noch mit dem Schiedsrichter. Sie deuten zum Stadionbildschirm. Dessen Bild flackert. „No goal“ ist dort zu lesen, dann kurz „Goal!“, dann wieder „No goal“. [...]
86.: [...] Allmählich kristallisiert sich heraus, was passiert ist: Ein übereifriger Mitarbeiter im VAR-Team in Zürich hatte bei der Überprüfung des Befunds der Torlinientechnologie einen noch höheren Vergrößerungsmaßstab angelegt. Dabei hatte sich herausgestellt, dass zwar ein Hicks-Boson sehr wohl Platz gefunden hätte zwischen Götzes Ball und der Torlinie und somit die Torentscheidung korrekt gewesen sei, dass aber auch festgestellt wurde, dass einige Quanten des Balls gleichwohl die Lücke übersprungen hätten, und dass gemäß dieses zweiten Befundes der Ball eben auch wieder nicht komplett hinter der Linie gewesen wäre. Der dpa-Korrespondent bringt es prägnant auf den Punkt: „Sowohl Tor als auch nicht Tor. Ein klarer Fall von quantenmechanischer Überlagerung. Aber wie können wir das einem durchschnittlich gebildeten Fußballfan verklickern?“

Soweit also unsere literarische Version davon, wie Deutschland die WM in Katar ganz knapp nicht gewonnen hat. In der katarischen Realität sah das nun also anders aus: Sein letztes Vorrundenspiel hatte Deutschland zwar gewonnen und es war dabei aber aufgrund der vorherigen Ergebnisse auch noch darauf angewiesen, dass Spanien im Parallelspiel der Gruppe mindestens ein Unentschieden gegen Japan würde erreichen können. (Wovon normalerweise auszugehen war.) Japan hat sein Spiel jedoch sensationell mit 2:1 gewonnen, und somit war Deutschland draußen.

Der japanische Siegtreffer war dabei äußerst umstritten. Möglicherweise war der Ball nämlich vor dem letzten japanischen Pass schon im Toraus gewesen. Der Video Assistent Referee hatte ewig lang überprüft. Und wie verdammt knapp das war, das wurde dann am nächsten Tag zum Beispiel im Standard mit dem folgenden Foto dokumentiert:-


Wie Deutschland knapp ausgeschieden ist

Das Foto im Standard vom 3./4. Dezember 2022 zeigt, wie Deutschland in Wirklichkeit ganz knapp bereits in der Vorrunde ausgeschieden ist.

In der Bildunterschrift (hier zu klein gedruckt) schreibt der Standard: „Es braucht ein gewisses Maß an Wohlwollen, den von Japans Kaoro Mitoma ins Spiel zurückgebrachten Ball, der Deutschland letztlich aus dem Turnier warf, nicht im Aus zu sehen.“

Die Ähnlichkeiten mit unserer Version sind natürlich rein zufällig. Aber der ganze Fußball besteht ja großenteils auch aus Zufällen. Und ohne eine gewisse sachkundige Phantasie - die würde ich uns schon selbstbewusst attestieren wollen - hätte es zu solchen verblüffenden zufälligen Übereinstimmungen zwischen unserer Fiktion und der Realität (und in diesem Fall also ausgerechnet unsere gröbste Fehlprognose betreffend!) niemals kommen können.

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