Eine Philosophie des Fußballs? (2014)

Der Kontext


Mit einigem Recht kann man sich Vorwürfe machen. Wie kann man sich nur für dieses Spektakel so begeistern? Das Militär hat im Vorfeld die Favelas brutalst gesäubert. Straßenkinder sind eiskalt abgeknallt worden. Dutzende Bauarbeiter sind beim Bau der Fußballstadien ums Leben gekommen. Noch während wir da vor der Glotze sitzen, wird in ganz Brasilien gegen den Event protestiert. Fünf Milliarden Dollar hat Brasilien in die Spielstätten investiert, Geld, das jetzt fehlt für die Gesundheit und Bildung im Land. Wie zur Bekräftigung werden in den Abendnachrichten „Fuck off, FIFA!“-Schilder in die Fernsehkameras gehalten, und in unmittelbarer Nähe des Stadions zünden Demonstranten brasilianische Fahnen an. Polizei und Militär, heißt es in den Nachrichten, würden gerade in vielen Städten des Landes versuchen, die Proteste mit äußerster Härte zum Verstummen zu bringen.

Da kann man schon ins Schwanken geraten. Aber dann fällt einem meist auch eine Entgegnung ein. Nicht nur heute, könnte sie lauten, auch das ganze Jahr über, an jedem einzelnen Tag gäbe es genügend Gründe, um zu verzweifeln. Jeden Tag ertrinken im Mittelmeer Menschen bei dem Versuch, zu uns nach Europa zu gelangen. Dürften wir dann entsprechend nie mehr feiern und es uns gut gehen lassen? Diese vielen Menschen, die da auf überladenen und hochseeuntauglichen Booten die Überfahrt nach Europa riskieren - suchen sie nicht vor allem auch jene materielle Sicherheit, die wir hier bis zu einem gewissen Grad haben, und die es uns nicht zuletzt auch gestattet, (wenn denn die notwendige Fron getan ist,) auch unbeschwert zu feiern?

„Arbeit und Fortschritt“ suchen diese Leute, könnte man sich sagen. „Ordem e Progreso“, ganz wie es auf der brasilianischen Flagge steht. Dann fängt das Eröffnungsspiel an. Später, nimmt man sich vor, wird man die Frage weiter diskutieren.


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