Kurz 2000

Lesung beim gleichnamigen Kurzdramawettbewerb im Fürther „Theater im Kulturkammergut“ (TKKG), April 2000

Ich darf mich kurz vorstellen: Mein Name ist Halb. Ich möchte Ihnen einige Texte aus meinem neuen Buch „Halb.s ausgewählte Werke“ vorlesen, das kürzlich nicht erschienen ist.

Immer mal wieder werde ich gefragt, warum ich schreibe. Es geschieht aus Sendungsbewusstsein. Jeder Künstler und jede Künstlerin sollte dieses Sendungsbewusstsein haben, das ich habe: Zwar noch nicht genau zu wissen, was gesendet werden soll, aber sich dessen bewusst zu sein. Aus diesem Sendungsbewusstsein heraus habe ich auch gerne die Möglichkeit wahrgenommen, heute hier zu lesen.

Vielleicht werden Sie sagen, eine Literaturlesung sei doch kein Kurzdrama, und hätte also in einem Kurzdramawettbewerb nichts verloren. Dazu möchte ich bemerken, dass ich mir den Kopf zerbrochen habe, dass ich mich wirklich bemüht habe, wenn auch leider vergebens, geeignete dramaturgische und theatralische Mittel zu finden und einzubauen, auf dass meine Lesung mit einigem guten Willen auch als ein Kurzdrama anzusehen sei.

Ganz kurz zum Inhalt: Aus der reichen Vielfalt der Texte in meinem Buch habe ich drei ausgewählt, – eine Fernsehkritik, eine Kurzgeschichte und etwas praktische Ethik – die sich mit verschiedenen Aspekten des Themas „Zeit“ befassen. Gewissermaßen sind es Vorstudien zu einem großen Buch zum Thema „Zeit“, an dem ich gerade schreibe, und das wahrscheinlich im kommenden Sommer oder Herbst nicht erscheinen wird.

Um nun aber nicht noch weiter mein Licht unter den Scheffel zu stellen, beginne ich mit einem Text, der überschrieben ist: –

Der Traum von der Unsterblichkeit

„Odyssee 3000 – Gero von Boehm berichtet“ war eine 5-teilige Serie des ZDF betitelt, in der die Odyssee dargestellt wurde, auf der sich verschiedene Zweige von Wissenschaft und Forschung im Jahr 1997 befanden. Die letzte Folge handelte von einem „Traum von der Unsterblichkeit“.

Von Boehm seine ausführliche historische Einleitung hätte fast den Eindruck entstehen lassen können, die Suche nach der Unsterblichkeit sei eine menschliche Konstante, und nicht ein Minderheitenphänomen von durchgeknallten Forschern, die in seriösen und der Allgemeinheit nützlichen Bereichen keine Anstellung mehr finden. Ein „Traum von der Unsterblichkeit“ mag ja auch bei Abergläubischen und bei größenwahnsinnigen Herrschern gelegentlich vorkommen, kann aber schon deshalb keine menschliche Konstante sein, weil z.B. ich noch nie von Unsterblichkeit geträumt habe und viele meiner Bekannten übrigens auch nicht.

Es war aber trotzdem interessant, zu erfahren, dass es in den USA tatsächlich schon möglich ist, Unsterblichkeit zu kaufen. 120.000 Dollar kostet ein Platz und das Verfahren hat nur den Nachteil, dass diese Art von Unsterblichkeit nur in totem Zustand erträglich ist, weil die „Patienten“ dabei in flüssigem Stickstoff eingefroren werden. Dies geschehe aber nicht in Kühlschränken, wie der Institutsleiter in der Reportage versicherte – das klänge auch pietätlos –, sondern es handele sich eher um Thermoskannen, in denen jeweils vier Personen Platz fänden. Der Institutsleiter ist davon überzeugt, – oder machte glaubhaft den Eindruck –, dass er das Verfahren für die Zwischenzeit, bis das Problem mit der Unsterblichkeit gelöst sein wird, wie er es ausdrückte, ansieht als eine „vernünftige Möglichkeit, länger und besser zu leben“. 28 „Patienten“ wurden  allein in seinem Institut schon überredet und immer mehr Menschen würden sich einfrieren lassen wollen. Da finde ich es sehr lobenswert, dass es auch eine erschwingliche Variante für weniger betuchte Kreise gibt, in der zum Preis von nur 50.000 Dollar pro Kopf nur der Kopf eingefroren wird. Bei den Beträgen handelt es sich nicht um Daueraufträge, sondern um einmalige Zahlungen. Das bedeutet, dass diese Institute entweder nach dem Schneeballprinzip arbeiten und nach einer gewissen Zeitspanne mit neu eingegangenen Zahlungen die Miete beglichen wird oder dass, was wahrscheinlicher ist, zu einem vertraglich festgelegten Zeitpunkt, wenn bis dahin nicht die Unsterblichkeit entdeckt ist, die Thermoskannen ausgeleert werden, um Platz für neue „Patienten“ zu schaffen. Gewiss: Eine eklige Angelegenheit … Aber damit es nicht soweit kommt, sind die Forscher nach der Unsterblichkeit für Köpfe und ganze Körper mit Hochdruck an der Arbeit. Einige durften in von Boehm sein Film ihre Arbeit vorstellen.

Siegfried Hekini, der gerne klassische Musik bei der Arbeit hört, ist es schon gelungen, mit Genmanipulationen Würmer-Methusalems mit 2-, 3-, ja 5-facher Lebensdauer zu schaffen. Er ist ein Banause, denn nach errungenen Erfolgen belohnt er sich mit Bildern alter Meister aus dem Internet.

Michael Fossel verweist auf jene Würmer und die eigenen Erfolge mit geklonten Fruchtfliegen und sieht seine Verantwortung darin, weiter zu machen, denn die Erfahrung lehre, was mit Würmern und Fruchtfliegen möglich sei, werde sicher einmal auch mit uns getan. Immerhin ist er der einzige im Film, der offen zugibt, dass es in der Forschung um das Verlängern des Lebens geht, oder um das Verdoppeln von Lebewesen, dass aber die Eingefrorenen geleimt wurden, weil, wie er sagt, „sicher niemals Menschen unsterblich gemacht werden können“.

Diese simple Erkenntnis ist noch nicht zu Professor Woodring Wright durchgedrungen, der auf seiner Suche nach einem „Unsterblichkeitsenzym“ auf die Telomere gestoßen ist. Telomere sind die Endabschnitte der Chromosomen, die die Zellteilung steuern. Wright hat entdeckt, dass sie bei jenen 24 Menschen auf der Welt, die an Vergreisung im Kindheitsalter leiden, kürzer sind, und wenn sie zu lang sind, zu übermäßiger Zellteilung, also zu Krebs führen. Professor Woodring Wright hat sogar ein Lied über die Telomere geschrieben, das er im Film vortragen durfte. Er trägt gerne Holzfällerhemden und hat einen Country-Song über Telomere gesungen. Das wäre schon gruselig genug gewesen. Aber anschließend geriet er auch noch ins Schwärmen darüber, wie er in Zukunft an unseren Telomeren herumspielen würde. Es würde eine spannende Gratwanderung werden, wenn er die Telomere daran hinderte, im Laufe des Lebens immer kürzer zu werden, um so unseren Alterungsprozeß zu verlangsamen, damit aber erwiesenermaßen Krebs auslöste, was der Holzfäller zu korrigieren gedächte, indem er nun doch ein Stück Telomer abhacken würde, aber nicht zuviel und nicht zuwenig. Hü und hott und in jeder einzelnen Zelle! Schöne Aussichten für die Eingefrorenen!

Überhaupt hatten alle in von Boehm sein Film vorgestellten Forscher eine seltsame Macke, die es unverantwortlich erscheinen lässt, sie solch potentiell folgenschwere Arbeiten durchführen zu lassen, da sie zuverlässige Ergebnisse geradezu ausschließt: Alle arbeiten in bunt ausgeleuchteten Labors! Das sieht zwar im Film, vor allem in den Interviews, hübsch aus, aber wenn es um meine Telomere geht, würde ich doch eine nüchtern-sachliche, kalte, weiße Beleuchtung bei der Operation vorziehen. Und ich möchte doch bitten, sie nicht von Leuten durchführen zu lassen, die dabei von Unsterblichkeit träumen. Denn Träumer von Unsterblichkeit gehören nicht in OPs und Labore!

Für die gibt’s doch die Thermoskannen! – – –

Der zweite Text ist eine rein fiktive Kurzgeschichte aus meiner Serie „Wie die Revolution ablief“. Er heißt: –

Die Anti - Uhren - Kampagne

Zu jener Zeit, als die Orientierungslosigkeit noch nicht überwunden, aber das Stadium des Ausprobierens schon erreicht war, gab es eine Vielzahl an Bewegungen, die zu scheinbar unwichtigen Themen arbeiteten. Im Nachhinein liegt es auf der Hand, dass diese sich vor allem dadurch gegenseitig stärkten, dass die Militanten schon ganz gut wußten, dass es nicht darauf ankäme, den entscheidenden Weg zur Revolution zu finden.

Eine dieser Bewegungen war die Anti-Uhren-Kampagne.

Der Startschuss zu dieser Kampagne ist nicht mehr exakt zu ermitteln, obwohl die Uhrzeit damals noch nicht abgeschafft war. Als eine ihrer Vorläufererinnen ist die lange weit verbreitete „Autonome Pünktlichkeit“ anzusehen – eine noch unorganisierte, spontan agierende Protestbewegung.

Theoretische Erwägungen hatten auch ins westliche Bewusstsein gebracht, dass sich der Kolonialismus zu einem großen Teil mit Hilfe der patriarchalischen Zeitmessung und des kapitalistischen Arbeitstaktes durchgesetzt hatte und weiter wirkte.

Zwar werde ein revolutionäres Subjekt in den Metropolen nicht mehr gesucht, es stehe aber mit Sicherheit ungern früh auf, es hasse Terminhetze und werde auch objektiv durch Arbeit vor Morgengrauen in seiner Kampfkraft geschwächt.

Ein „Kommando Zeitlos“ entführte das sog. „Nürnberger Ei“, die erste funktionierende Taschenuhr, aus dem dortigen Germanischen Nationalmuseum. In seinem 31-seitigen BekennerInnenschreiben ging es auf den Zusammenhang zwischen dieser Erfindung des Wiehießernochgleich und dem Patriarchat ein und forderte, für die Rückgabe des Stückes sollten alle Uhren einen Tag lang ausgeschaltet werden. Schließlich setzte sich die museale Fraktion innerhalb der Herrschenden durch und es wurde auf die Forderung eingegangen. Es ist Spekulation, ob jene das (lädiert zurückgegebene) Stück tatsächlich für unersetzlich hielt, oder ob sie damit rechnete, dass ein eintägiges Chaos entstehen müsste, welches die Täter und Täterinnen gesellschaftlich isolieren, und ihr Anliegen desavouieren würde. Das Eine wie das Andere mag eine Rolle gespielt haben.

Jedenfalls wurde von vielen der subversive Gehalt der Aktion verstanden. Danach war z.B. das Kampfmittel des Streiks obsolet geworden: Stattdessen wurden nun alle Uhren in den Betrieben sabotiert und während sich die entschlossensten Elemente noch um die Rolex des Chefs kümmerten, um ihm den doppelten Sinn seiner Devise „Zeit ist Geld“ zu veranschaulichen, gingen unter der Belegschaft schon endlose Debatten los über die Frage, ob es „noch zu früh“ oder „schon zu spät“ zum Arbeiten sei.

Verabredungen wurden für „Morgen“ getroffen, politische Veranstaltungen wurden für „Abends“ angekündigt und somit der Schritt von der unbewussten Verweigerungshaltung zur organisierten Revolte vollzogen. Einzelnen verursachte es Schwierigkeiten, wenn sie sich bei Kadern, die es wissen mussten, nach dem genauen Zeitpunkt erkundigten, und „Na, abends!“ zur Antwort erhielten. Sub- und gegenkulturelle Veranstaltungen begannen meist, „wenn genug Leute da sind“.

Die Indizien häuften sich, dass die Anti-Uhren-Kampagne auch gesamtgesellschaftlich Anklang fand. Als sich eine Gruppe von Fahrern und Fahrerinnen öffentlicher Verkehrsbetriebe der unmenschlichen Zerstückelung ihres Arbeitstages durch die minutiösen Fahrpläne verweigerte, wurde sie von den Gewerkschaften, die von jeher mittaten, wenn etwas nach der Schaffung von Arbeitsplätzen roch, und auch von der Ökologiebewegung, in ihrem Ansinnen auf Fahrpläne unterstützt, nach denen „von morgens bis abends ständig ein Personenbeförderungsmittel nach dem anderen fährt, wenn nichts dazwischen kommt“.

Wo dies durchgesetzt werden konnte oder sonstwie uhrenfreie Zonen geschaffen worden waren, blickten viele anfangs verstohlen oder reflexhaft sich nach Uhren um, und lange wirkten die Menschen, als würden sie auf etwas warten, aber allmählich begannen sie, miteinander zu reden, sich über die letzten Gehetzten lustig zu machen, diese dann auch anzuhalten und sich überhaupt einzumischen und nicht mehr wegzuschauen.

Kurz: Sie hatten nicht mehr Zeit oder keine Zeit, sie waren in der Zeit. Die Zeit machte nicht mehr: „Tick, tack, tick, tack“, sondern: „Mmmmmmmm“.

Heute wird nicht mehr Geschichte, sondern es werden Geschichten gemacht und z.B. an Bushaltestellen weitererzählt. Die dummen Streitigkeiten über die Frage, ob ein Ei idealerweise viereinhalb oder fünf Minuten zu kochen sei, sind der hohen Kunst der Beurteilung der Größe, Konsistenz und Herkunft von Eiern und ihrer Zubereitung gewichen.

Und nur noch die Rückbesinnung auf die unseligen Zeiten lässt uns den unsteten Gesichtsausdruck der Personen auf alten Fotografien verstehen. – – –

[Mit einem Blick auf den Wecker, der vor dem Lesenden auf dem Tisch steht:]

Wie liegen wir in der Zeit? – – – Ah ja.

[Er zieht einen Hammer aus der Tasche und zertrümmert die Uhr.]

Also einer geht noch. Der letzte Text, sozusagen zum Geleit, ist betitelt: –

„Denn ich muss morgen früh raus.“

Immer, wenn mir das zu Ohren kam – „…denn ich muss morgen früh raus“ – hat mich eine wilde Wut gepackt. Ich hätte den vielen, die mir so schon mitgeteilt haben, dass ihnen ihr Funktionieren in der Arbeit wichtiger ist als das Diskutieren oder Musizieren, als das Amüsieren oder kurz: als ihr Zusammensein mit mir, auf der Stelle ins Gesicht springen mögen.

Stets erfolgt diese Bemerkung, die den Abend verdirbt, weil sie die Fron in ihn einführt und ihn so für alle beeinträchtigt, mit dem Gestus eines leichten Bedauerns, so als könnte die Person daran eben nichts ändern. Diese Heuchelei, diese offensichtliche Unwahrheit finde ich empörend.

Es stimmt: Im Gegensatz zu fast allen anderen übe ich einen Beruf aus, für den der Gebrauch eines Weckers nicht erforderlich ist. Doch eines weiß ich: Nie wollte ich diese Art vorauseilenden Gehorsams gegen die Arbeit leisten, eine gesellige Runde mit der Begründung zu verlassen und zu belasten: „…denn ich muss morgen früh raus.“ Aber ob ich lieber Ausreden erfinden würde, um zu genügend Schlaf zu kommen, dass ich noch anderes zu tun hätte, oder dass mir nicht gut sei, oder ob ich lieber anderntags verschlafen würde oder blau machte, ob ich also auf Geselligkeiten zu verzichten hätte oder eben doch auf eine Menge Schlaf, das musste ich erst herausfinden.

Mein anderthalbwöchiger Selbstversuch mit Arbeit vor Morgengrauen hat tatsächlich dazu geführt, dass ich versucht war, wie ein einsichtiges Schulkind, dem beigebracht wird: „Du musst jetzt ins Bett, denn Du musst morgen früh raus!“ zu repetieren: „Ich muss jetzt ins Bett, denn ich muss morgen früh raus.“ Er dauerte lange genug, um mir zu belegen, dass Arbeit vor Morgengrauen dem Leben des Menschen entgegensteht. Er dauerte nicht lange genug, um das Leben zu beseitigen.

Noch lebte ich also, und so konnte ich die Runde mit der viel viel besseren Begründung verlassen:

[er streckt sich und gähnt]

„…weil ich müde bin.“ – – –

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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