„Halbs ausgewählte Werke“ –
Nachwort


An den Verlag
Oktober 1999

Sehr geehrte Frau Suhrkamp, sehr geehrter Herr Rowohlt!

(Anm.: Die Namen sind geändert.)


Anbei schicke ich Ihnen ein kopiertes Exemplar meiner Ausgewählten Werke. Gewiss werden Sie als Profi besser als ich, dem die dazu nötige Distanz zu den Texten gänzlich abgeht, beurteilen können, ob es geboten erscheint, sie in Form eines richtigen Buches zu verlegen, sei es weil das künstlerisch-literarische Niveau dies vielleicht nahelegt, sei es aus einem zeitgeschichtlichen oder auch kommerziellen Interesse. Wie ich vermute, bekommen Sie ständig eine Menge von Manuskripten mit der Bitte um Herausgabe als richtiges Buch in Ihren Verlag geschickt. Wie mir berichtet wurde, sind in größeren Verlagen sogar extra Leute angestellt, sog. „Lektoren“, nur um die vielen anfallenden Seiten zu bewältigen. Wenn ich im Folgenden kurz die sechs Kapitel oder „Bände“ meiner Ausgewählten Werke erörtere, so mag das Ihnen (oder den „Lektoren“) trotz Querlesens, sollte dieses aus Gründen der Arbeitsüberlastung gerade erforderlich sein, ein qualifiziertes Urteil ermöglichen.

Der Band 1, „Die Kunstvereins-Protokolle“, ist wohl nur von einem historiografischen Standpunkt aus interessant für Leute, die den Kunstverein, jene nach der berühmten Aussage eines seiner Gäste „beste Kneipe im Universum“, die nun mittlerweile doch dem Bagger zum Opfer gefallen ist, nicht gekannt haben. Auch dieses aber nur in engen Grenzen, indem hier nur eine kurze und, wenn wir von der ständigen Panik und Panikmache seiner Mitglieder absehen, er könnte bald sterben, nicht unbedingt typische Phase seines über 20 Jahre währenden Bestehens behandelt wird. Was das literarische Niveau der Protokolle angeht, so würde ich mir die Entwicklung dieses Stils der Protokoll-Parodie in rotzig-schludriger Sprache weniger zum eigenen Verdienst anrechnen als ihn vielmehr quasi naturwüchsig aus dem der Sphäre eigenen Spannungsfeld zwischen Anarchismus und Vereinsmeierei erwachsen ansehen wollen.

Der zweite Band, die „Texte für die ‚Wie weiter‘, ist wohl ebenfalls hauptsächlich von geschichtlichem, oder anders ausgedrückt: Von recht wenig Interesse. Um was wurde sich da zu Anfang der 90-er Jahre in diesem linksradikalen Blättchen nicht alles gestritten! In welchem Verhältnis Sexismus oder Rassismus zum Kapitalismus stehen würden. Eine unzeitgemäße Fragestellung heute, da letzterer ziemlich unangefochten herrscht und sich Frauen antisexistisch dünken, wenn sie sich in ihm ökonomische und parlamentarische Nischen „erkämpfen“ und da die besseren Jugendlichen ihren Antirassismus allenfalls in bestimmten Klamottenmarken ausdrücken können. Ebenso, welche Maßnahmen von Linken gegen Neonazis zu ergreifen seien, und welche gegen die Spitzel des Staates, da letztere heute mangels der Existenz von ersteren schon aus Langeweile und um ihre Gehaltszahlungen zu rechtfertigen, fast nur noch mit zweiteren kooperieren, um sie zu unterwandern und in ihrem Sinne zu lenken, bzw. umgekehrt. Und mit welcher Vehemenz wurde über solche Fragen gestritten! Als ginge es darum, die Welt zu verändern! Darum ging es uns damals ja in der Tat, aber die meisten empfinden heute beim Lesen der Texte wohl ein Gefühl des Widerwillens gegen ihre Rigorosität, die den Zeiten postmoderner Beliebigkeit ganz ungemäß ist, die ich als Charakterzug gleichwohl nie völlig ablegen konnte und die bis heute viele meiner Texte prägt.

Der Band 3, „Das Beste aus dem ‚Literarischen Zeitvertreib‘, enthält nach meinem Dafürhalten auch überhaupt das beste, was ich je geschrieben habe. Warum dem Literarischen Zeitvertreib gleichwohl völliger Misserfolg beschieden war, ob es wieder an der „Rigorosität in Zeiten der Spaßkultur“ lag, daran, dass es ihm an Illustrationen, bunten Bildern oder den gewohnten Verbraucherinformationen mangelte, am zu hohen Verkaufspreis oder zu niedrigen Bekanntheitsgrad, weiß ich bis heute nicht. Wahrscheinlich werden Sie sagen, es lag an der zu geringen literarischen Qualität. Zu deutlich sei, an welchem Vorbild der Autor sich zu schulen versucht hätte. Eine eigenständige Form, die eigenen Überlegungen entspreche, werde allenfalls in der „Abt. Uhrenbekämpfung“ und in denjenigen Artikeln gefunden, in denen ich einer Hassliebe (während beim Vorbild von Liebe keine Rede sein kann) nicht etwa gegen Wien, sondern gegen meine eigene Heimatstadt Ausdruck verleihe. Wahrscheinlich bin ich tatsächlich einer jener Schriftsteller, die zuviel lesen, um gute Literaten zu sein, wie es jenes Vorbild einmal formuliert hat.

Große Teile des Bandes 4, „Der Utopist“, leiden an dem, woran alle literarischen Utopien leiden. Da versucht eineR, eine ideale Welt zu entwerfen, ohne sich genügend Rechenschaft darüber abzulegen, in welchem Maße er oder sie in den Zeitumständen verhaftet ist. Der literarische Trick, der das Genre konstituiert und also ein alter Hut ist, dass nämlich nicht im Futur, sondern in der Vergangenheitsform erzählt wird, kann nicht verhindern, dass oft schon nach wenigen Jahren besonders in den konkreten Details diese Naivität in unfreiwilliger Komik oder auf peinliche Weise zum Ausdruck kommt. Dies ist besonders in einigen Teilen der Artikelserie „Wie die Revo ablief“ der Fall. Im Drehbuch „Als das System den Löffel abgab“ dagegen wird durch die einmontierten Dokumentarfilmszenen Authentizität deutlich sichtbar vorgegaukelt, also eigentlich auch nicht vorgegaukelt. Hier haben wir es in geringerem Maße mit unfreiwilliger Komik, sondern eher mit jener der Selbstironie zu tun. Deren Einsatz konnte den Tod des Genres der konkret ausformulierten Utopie aber literaturhistorisch nicht verhindern und schon gar nicht wird er ihn rückgängig machen können. Eine Wiederbelebung nicht des literarischen Genres der Utopie, sondern der Fähigkeit zu utopischem Denken sollte unser aller Anliegen sein. (Wenn das nicht zu rigoros formuliert ist.) Der Vortrag „Wie begründe ich eine Tradition?“ scheint mir immerhin ein wenn auch noch unbeholfener Gehversuch in diese Richtung zu sein.

Kommen wir zum Band 5, dem der „Briefe“. Jener an die „GeldverteilerInnen“ beim Ökofonds der Grünen führte dazu, dass sie diese Funktion nicht erfüllt haben, was das Ende meiner Karriere als Filmemacher beschleunigt hat. Der Band enthält weiterhin einen Offenen Brief, der nicht veröffentlicht werden konnte, einen Text, der zu meinem Quasi-Rauswurf aus der autonomen Szene führte bzw. diesen nicht verhindern konnte, einen Brief, in dem stilistische Unsicherheiten und konzeptionelle Schwächen des Literarischen Zeitvertreibs eingeräumt und die Einstellung seines Erscheinens angekündigt werden, einen Leserbrief, der nicht abgedruckt wurde, einen politischen Abschiedsbrief und einen  Aufnahmeantrag an eine linke Gruppierung, dessen absehbare Ablehnung sozusagen schon in ihm enthalten ist. Mithin könnte der Band im Grunde betitelt werden wie einer seiner Beiträge: „Ein weitreichendes Scheitern ist zu konstatieren“. Nicht nur vom kommerziellen Standpunkt des Verlegers aus werden Sie sich mit Recht fragen: Wer will so etwas lesen?

Bleibt noch der Band 6 mit dem anspruchsvollen Titel „Programmatisches, Aphorismen, Lyrik“, zu dem ich jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, noch nicht viel sagen kann, weil er noch nicht fertig ist. Jedenfalls will ich mich bemühen, den Anteil an Programmatischem der alten Schule in ihm nicht viel größer werden zu lassen als den an neueren Texten, die die oben erwähnte Rigorosität wenn schon nicht ablegen können, dann doch besser zu verbergen trachten. Ideal fände ich für den letzten Band eine Zusammenstellung von Texten, die erstens das konstatierte weitreichende Scheitern meinerseits vielleicht als ein heroisches darzustellen in der Lage wäre und zweitens nicht der Versuchung erläge, zu diesem Behufe zuviel im Nachhinein Verfasstes aufzunehmen. Ob mir das gelingen wird, ist eine andere Frage.

So weit, so gut. Sollten Sie wider Erwarten zu dem Urteil kommen, welches ich hoffe, mit dem Gesagten nicht unzulässig beeinflusst zu haben, dass sich mit der Herausgabe meiner Ausgewählten Werke in Form eines richtigen Buches ein Erfolg erzielen lassen würde, so müsste ich allerdings noch folgendes anmerken: Dass, wenn den an Herstellung und Vertrieb des Buches Beteiligten angemessene Löhne bezahlt werden würden, wovon ich ausgehe, ich in ihm kaum Chancen auf Realisierung eines Profits für Sie erblicken könnte, da ich einen eventuellen Gewinn zum größten Teil legitimerweise und vertraglich zugesichert für mich selbst in Anspruch zu nehmen gedächte. Jedes andere Verfahren würde im Kontext meines bisherigen künstlerischen Schaffens einen Widerspruch ergeben, verstehen Sie?


Mit freundlichen Grüßen

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